Editorial 2/2020

Wind of change*

Niemand von uns hätte sich das Frühjahr 2020 wohl so vorgestellt: Statt Normalbetrieb überall Ausnahmezustand.

Gewohnte Abläufe waren gestern. Pausenlos müssen wir uns auf neue Vorgaben und Spielregeln einlassen, um einer aus dem Nichts gekommenen, weitgehend unbekannten Bedrohung zu entgehen. In dieser Situation gibt es weder Erfahrung, Sicherheit noch sichere Rezepte. Alle sind gefordert: jedes Land und jede Stadt, jede Alters- und Berufsgruppe, jede/r Einzelne auf je eigene Art. Auch die Bereiche Kindergarten, Krippe und Schule sind stark betroffen, viele KollegInnen höchst persönlich. Danke für das Engagement und alles Gute weiterhin!

Als das Thema dieser UNSERE KINDERAusgabe im vergangenen Herbst beschlossen wurde, war von Corona und Covid-19 keine Rede. Ich erinnere mich genau an die Redaktionssitzung, bei der mehrere jüngere Elementarpädagoginnen mit Weiterbildungserfahrung an Hochschulen und Unis das Thema „Change Management“ einbrachten. Dahinter stand ihre manchmal leidvolle Erfahrung mit verkrusteten Strukturen. Das „System Kindergarten“, so klagen viele, lässt sich nur schwer und langsam verändern – von Bildungspolitik bis zur konkreten Situation (Träger, Leitung und Team, örtliche Gegebenheiten …). Doch nicht immer muss alles ganz neu erfunden werden, manchmal reicht es schon, Gewohnheiten und Zuständigkeiten samt ihren Erklärungen zu hinterfragen. Den Kurs eines Dampfers steuern nicht nur die großen Konzept- und Budgeträder, sondern genauso die kleinen Schrauben der Alltagsgestaltung.

In der durch das Coronavirus hervorgerufenen aktuellen Situation kommt der Kunst des Veränderns besondere Bedeutung zu. An sich richtige, oft schnell dahingesagte Sätze wie der des altgriechischen Philosophen Heraklit „Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“ oder jener des englischen Politikers Winston Churchill „Vollkommen sein, heißt sich oft verändert haben“ klingen plötzlich gleichermaßen nichtssagend wie weise. Ganz generell gilt es, drei Gedanken zum Thema Veränderung im Kopf zu bewahren:

• Erstens: Akzeptiere, dass nichts bleibt, wie es ist. Weiterentwicklung ist normal, lebenswichtig und gut. Nicht bei jeder Transformation ist von vornherein klar, was am Ende herauskommt. Unsicherheit gehört zum Leben, Garantie gibt es nicht.

• Zweitens: Achte darauf, dass du selbst in Veränderungsprozessen möglichst aktiv bist und nicht zum unbeteiligten Spielball wirst. Versuche mit Augenmaß und Verantwortung, die Regie zu übernehmen – im eigenen Leben, in der Alltagsgestaltung, bei den Sozialkontakten, im Medienkonsum, am Arbeitsplatz, beim Freizeitverhalten …

• Drittens: Deine Devise soll nicht „Verändern um des Verändern willens“ (etwa, weil ein pädagogisches Konzept gerade modern scheint) lauten, sondern: „Finde das richtige Maß zwischen Verändern und Bewahren“. Wem würde es nutzen, Gutes und Gelingendes über Bord zu werfen?

Mit solch bedeutsamen Fragen beschäftigt sich diese Ausgabe von UNSERE KINDER zum Thema Veränderung. Halten wir es mit dem deutschen Physiker Georg Christoph Lichtenberg, der vor über 200 Jahren sagte: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

 

* Mit dem Lied „Wind of change“ beschrieb die deutsche Rockband „Scorpions“ den historischen politischen Wandel in Europa zu Ende der 1980er-Jahre.

Unser Artikel

für Sie aus dieser Ausgabe


Fortschritt versus Tradition als Herausforderung für das pädagogische Team

 

 

Anna Spindler Weiterlesen

Martin Kranzl-Greinecker

Redaktionsleitung

Martin.kranzl-greinecker[at]caritas-linz.at

Inhaltsverzeichnis

der aktuellen Ausgabe 2/2020

Unser Thema

Aufbruch zu neuen Zielen -  Veränderung und Entwicklung als Herausforderung für Führungskräfte 
Lisa Kneidinger 4


Change Management - Betroffene zu Beteiligten machen 
Sebastian Rappl 9


Vertrau auf Deine positiven Kräfte! - Potenzialfokussierung als Weg in die Zukunft 
Petra Raffling 10


Unsere Praxis

Veränderung mit Fingerspitzengefühl - Alltagsintegrierte Sprachbildung als konkretes Beispiel für systemische Entwicklung
Amna Janne Akeela & Susanne Kühn 12


Wie viel "Update" braucht ein Kindergarten? - Fortschritt versus Tradition
Anna Spindler 16


Unsere Lebenswelt

Kinder stärken in Zeiten der (Corona-)Krise
Silvia Exenberger & Verena Wolf 18


Endlich mehr Anerkennung - hoffentlich nicht nur in Corona-Krisenzeiten 
Redaktion 20


"Großmutters Regelspiele" - Vielfältige Mathematik in einfachen Spielen
Alexandra Essl 21


Weiterentwicklung (mit)teilen - Ein steirischer Kindergarten als Konsultationseinrichtung
Martin Kranzl-Greinecker 24


Praxis Spotlight

Jetzt wird gebaut - "Der gestohlene Schatz"
NÖ Landeskindergarten Maria Enzersdorf 25


Menschen im Porträt

Martina Stoll- Psychologin & BAfEP-Lehrende
Martin Kranzl-Greinecker 26


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