Editorial 5/2020

Vielfalt und Standarisierung

Begriffe wie „Bildung von Anfang an“ oder „Forschergeist in Windeln“ sind in der Elementarpädagogik wohlbekannt. Dass wir heute Kinder von Geburt an als aktiv lernende Individuen betrachten, ist ein wichtiger gesellschaftlicher Fortschritt. In den vergangenen Jahrzehnten konnte die Säuglings- und Kleinkindforschung detailliert aufzeigen, wie intensiv Kinder an ihren Lern- und Entwicklungsprozessen beteiligt sind – unabhängig von der Geschwindigkeit, mit der sie ihre Umwelt erkunden und sie verstehen.

Es liegt nahe, die enorme Lernfähigkeit von Kindern gezielt zu fördern und mit Hilfe standardisierter Verfahren wie Entwicklungsbeobachtung, Sprach-Screening etc. ihre Entwicklungsverläufe, Interessen und Begabungen zu erfassen. Allerdings entwickelt sich kein Kind schneller oder besser, wenn es regelmäßig beurteilt wird. („Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!“ lautet eine bäuerliche Redewendung in meiner oö. Heimat). Standardisierungsinstrumente können erst dann ihr Potenzial entfalten, wenn einrichtungsbezogen Überlegungen folgen, wie unterschiedliche Kinder mit individuellen Lebenserfahrungen optimale Entwicklungsmöglichkeiten vorfinden. Ja zur Vielfalt!

Kindliche Individualität zeigt sich auch in abweichendem Verhalten und signalisiert bisweilen innere Nöte. Gerade im Umgang mit „verhaltenskreativen“ Kindern wird sichtbar, dass standardisierte Verfahren immer nur Hilfsmittel sind, es letztlich aber auf die Haltung der PädagogInnen und ihr aktuelles Fach- und Handlungswissen ankommt. Von „oben“ verordnete Richtlinien zur Qualitätsentwicklung werden zudem von der Fachwelt häufig mit Skepsis betrachtet, weil Standardisierungen aller Art auch zur Gleichmacherei führen können und schleichend eine Orientierung an den Lernmethoden der Schule erfolgt. Der US-Bildungsforscher Mitchel Resnick, der sich intensiv mit den Herausforderungen am Übergang ins digitale Zeitalter beschäftigt, spricht indessen vom „Lifelong Kindergarten“ als Modell für Bildung und Lernen im 3. Jahrtausend (nachzulesen in „Lifelong Kindergarten. Warum eine kreative Lernkultur im digitalen Zeitalter so wichtig ist“, Verlag Bananenblau Berlin 2020).

Resnick, der auch die visualisierte Programmiersprache „Scratch“ erfunden hat, empfiehlt, das gesamte Bildungssystem an den Methoden des Kindergartens auszurichten. Er ist überzeugt, dass der Lernansatz des Kindergartens Menschen jeden Alters hilft, jene kreativen Fähigkeiten zu entwickeln, die sie benötigen, um in der sich rasant verändernden Gesellschaft erfolgreich zu sein. Das kreative Miteinander von Kindern und Erwachsenen ist ein Erfolgsfaktor, den er mit den vier P‘s „projects, passion, peers und play“ beschreibt. All das zeigt sich täglich, wenn Kinder allein oder mit anderen in Spielprozessen leidenschaftlich Projekte verfolgen und Herausforderungen meistern.

Bei der Betrachtung von individueller Lernbegleitung, Standardisierung und Gruppenpädagogik geht es nie um ein „Entweder-oder“, sondern um eine gute Ausgewogenheit von Individualisierung, Gemeinschaftserfahrung in der Gruppe und standardisierter Qualität.

Unser Artikel

für Sie aus dieser Ausgabe

"Bildungspapst" John Hattie über die Bedeutung von Haltung, Feedback und Selbstwirksamkeit

 

 

Susanne Sonnleitner Weiterlesen

Anna Kapfer-Weixlbaumer MA

Fachredaktion

Inhaltsverzeichnis

der aktuellen Ausgabe 5/2020

Unser Thema

"Ich darf individuell sein und auch Fehler haben!" - Für eine bunte Vielfalt und Menschlichkeit im Umgang mit Kindern
Heidi Jaros  4


Individualisierung und Standardisierung in guter Balance leben - Unterwegs zu einheitlichen Standards (am Beispiel der Sprachkompetenz)
Daniela Krienzer  8


Meine Arbeit in Zeiten von Covid-19 - Reflexion zum Frühjahr 2020
Elke Buchegger  10


"We have a dream ..." - Selbstevaluierungsinstrument "Pädagogische Qualitätsmerkmale"
Qualitätsbeauftragte in OÖ  11


Unsere Praxis

Gleichaltrige als wichtige Starthilfe- Perspektiven für die Eingewöhnung mit Peers
Amna Janne Akeela14


Auf der individuellen Entwicklungsleiter - Chancen in der pädagogischen Alltagspraxis
Jasmin Gödl18


Es wirkt! Wie Lernen gelingt - "Bildungspapst" John Hattie im Interview
Susanne Sonnleitner20


Unsere Lebenswelt

Wie interagieren Kinder im Kindergarten? - Individuelle Interaktionsprozesse von Kindern erfassen
InKi-Team der Uni Innsbruck 22


Praxis Spotlight

Wunderbare Orte "Die Zwergenwurzel" -
Kindergarten Heiligenkreuz am Waasen (Stmk.) 25


Menschen im Porträt

Loris Malaguzzi (1920 - 1994) - (Ital. Pädagoge und Mitbegründer der Reggio-Pädagogik
Monika Hruschka-Seyrl und Barbara Moser 26


Service

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