Wissenschaft und Praxis in guter Verbindung

Anita Giener-Grün

12/31/2020

Die Konkurrenz von Theorie und Praxis bringt uns in der Elementarpädagogik nicht weiter. Wie schaffen wir ein fruchtbares Miteinander?

 

 

Das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis kann je nach Wissenschaftsverständnis unterschiedlich aussehen. Dieser Artikel möchte das Bild einer produktiven Zusammenarbeit umreißen. Ausgangspunkt der Überlegungen sind zwei konkrete Erfahrungen:

1. Die Erfahrung einer Praktikerin: "Ich durfte vor vielen Jahren bei einer Art Gremium mitwirken. Es ging darum, neue pädagogische Unterstützungsmaßnahmen zu entwerfen. Mitdenkende waren PraktikerInnen wie Ich. So geehrt Ich war, dabei zu sein, breitete sich in mir nach und nach Skepsis aus, ob das, was wir entwickelten, überhaupt dem aktuellen Wissensstand entspräche. Ein breiter Überblick, was es schon alles gibt und eine Person, die Sicherheit bezüglich der von uns gewählten Richtung geben hätte können, wären für mich wichtig gewesen".

2. Die Erfahrung einer angehenden Wissenschaftlerin: "Mich irritiert die Vielzahl wissenschaftllicher Arbeiten, die das pädagogische Handeln mehr oder weniger geringschätzig beurteilten - so nach dem Motto, dass vielen PädagogInnen die (Selbst-)Reflexionskompetenz fehle. Am Ende stellen diese Arbeiten dann meist einen höheren Qualifizierungsbedarf fest. Das finde ich nicht nur überheblich, sondern ich frage mich auch, was es bringen soll."

Zu Wort kamen eine Praktikerin, die sich manchmal orientierungslos fühlt und eine und eine angehende Wissenschafterin, die ernsthaft nach dem Sinn der Wissenschaft fragt. Klafft hier eine Wunde zwischen Praxis und Wissenschaft? Können tragfähige Erkenntnisse gewonnen werden, wenn es eine starre Einteilung gibt zwischen den Forschenden und den praktisch Tätigen, welche dann das Erforschte "richtig" anwenden sollen? Gemeint sind hier Erkenntnisse, die nicht nur sich selbst genügen bzw. der Profilierung einer akademisch tätigen Person dienen. Vielmehr brauchen wir ein Wissen, das unser pädagogisches Handeln tatsächlich inspiriert und bereichert. Ein Wissen, das zu pädagogischem Gelingen beiträgt und dessen Umsetzung sich lohnt, weil schwierige und widerständige professionelle Erfahrungen in ein anderes Licht getaucht und wieder neue Handlungsoptionen eröffnet werden.

Ist das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis mit jenem von Schule und Kindergarten vergleichbar?

Kindergarten und Schule sind zwei pädagogische Handlungsfelder, in denen engagierte Personen sich bemühen, in ihren Alltagsgeschäften des Erziehens, des Bildens und Organisierens einen Beitrag zum gesellschaftlichen Ganzen zu leisten. Aus den mittlerweile zahlreichen Arbeiten zur Transition wissen wir, dass sich Schule und Kindergarten aufeinander beziehen müssen, um tatsächlich gute pädagogische Arbeit leisten zu können. Es steht außer Diskussion, dass hierarchische Vorstellungen, wie jene, dass der Kindergarten ein Kompetenz-Zulieferer für die Schule sei, kontraproduktiv sind. Dennoch hat jedes der beiden Handlungsfelder sein eigenes Profil mit spezifischen Aufgaben, Herausforderungen und Methoden. Schule muss nicht Kindergarten werden und Kindergarten nicht Schule!

Lässt sich das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis in der Elementarpädagogik ähnlich denken? Auch hier handelt es sich um zwei Felder, die unterschiedliche Profile, eigene Aufgabenstrukturen und Methoden haben. Hier gilt ebenso: Wissenschaft und Praxis dürfen nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen! Beide Felder sind auf das produktive und wohlwollende Zusammenwirken angewiesen, wenn es darum geht, die Elementarpädagogik gemäß den gesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Herausforderungen zu stärken und weiterzuentwickeln.

Partizipative Forschung - Forschen im Dialog

Vor allem im Bereich der Sozialpädagogik hat sich (inspiriert durch die "Aktionsforschung") die sog. "Partizipative Forschung" etabliert, bei der die strikte Trennung zwischen forschender und erforschter Person aufgelöst ist (Anastasiadis et al. 2014; Altrichter et al. 1997). Forschende Aktivitäten können und sollen an unterschiedlichen Orten (Universitäten, Hochschulen, Bildungsanstalten, Schulen, Kindergärten...) stattfinden und von unterschiedlichen Personen (WissenschafterInnen, LeiterInnen, AusbildnerInnen, PädagogInnen...) durchgeführt werden. Die Vielfalt der Perspektiven wird dabei ausdrücklich als Vorteil betrachtet.

Geht es darum, das tatsächlich Relevante und Inspirierende des pädagogischen Handelns herauszufinden, dann braucht es verschiedene Sichtweisen und eine Forschung, die alle Personen in einen respektvollen, wertschätzenden und lebhaften Dialog holt. An diesem forschenden Dialog könnten teilhaben:

Interessierte, aufgeschlossene LeiterInnen, die Einblick in den pädagogischen Alltage und in das Zusammenwirken mit Eltern und Erhaltern geben;

Engagierte PädagogInnen, die über Erfahrungen, praktische Herangehensweisen und Hintergrundgedanken berichten;

Selbstkritische und entwicklungsfreudige PädagogInnen mit Interesse daran, ihre Arbeit zu erforschen - etwa durch das Führen von Forschungstagebüchern, durch die Befragung von Kindern, durch Aufzeichnen und Analysieren von Situationen. (Anmerkung: Konkret könnte das die Frage nach der evt. unterschiedlichen Zuwendung Mädchen und Buben gegenüber bedeuten oder die Erkundung, in welchen Raumzonen es zur Häufung von Konflikten kommt);

Akademisch informierte PädagogInnen, die Theorien aufgrund eigener praktischer Erfahrungen diskutieren, in Frage stellen und kritisieren können;

WissenschafterInnen, die einen engen Bezug zur pädagogischen Praxis haben, weil sie vielleicht gleichzeitig "Elementarpädagogische InsiderInnen" sind;

ReferentInnen, die mit elementarpädagogischen PrakterInnen im Gespräch stehen und deren Fortbildungsbedarf kennen;

ForscherInnen, die vielleicht in anderen Disziplinen beheimatet sind, aber mit einem gewissen Außenblick darauf schauen, was sich in elementarpädagogischen Einrichtungen abspielt;

Keine/r muss alles jederzeit sein

Wichtig ist: Niemand muss alles sein! Wissensgenerierung passiert in unterschiedlicher Form an unterschiedlichen Orten durch unterschiedliche Personen. Wirklich tragfähige Erkenntnisse ergeben sich durch die Vernetzung, den Austausch und die Rückbindung eigener Forschungen an die Beiträge der Anderen. Aufgaben, Verantwortlichkeiten und das Ausmaß der Tätigkeit sind unterschiedlich definiert: Vollberuflich Forschende investieren klarerweise mehr Zeit für Erhebung, Analyse und Ergebnisdarstellung als PädagogInnen, die zusätzlich im pädagogischen Alltag für Kinder verantwortlich sind. Wünschenswert wäre, dass zukünftig auch PraktikerInnen finanzielle sowie zeitliche Ressourcen für die Forschungsarbeiten erhalten. Es ist allerdings nicht nötig, dass PädagogInnen bestimmte Aufgaben dauerhaft übernehmen. Im Laufe der Berufsbiografie von PädagogInnen könnte es ganz verschieden Phasen geben:

Zeiten, in denen sie kaum etwas mit Forschung zu tun haben;

Zeiten, in denen sie lediglich überblicksweise über regionale Forschungsaktivitäten informiert werden;

Zeiten, in denen sie MitarbeiterInnen einer Hochschule Einblicke in ihr Feld eröffnen;

Zeiten, in denen sie als Studierende mit Forschungsergebnissen in Kontakt kommen und sich Forschungsmethoden aneignen;

Zeiten, in denen sie sich aktiv mit der Weiterentwicklung des eigenen Bereichs beschäftigen und sich wissenschaftlichen Input und Begleitforschung organisieren;

Zeiten, in denen sie in multiprofessionellen ExpertInnengruppen mitdiskutieren oder bei größeren Forschungsprojekten mitwirken;

Zeiten, in denen sie im Rahmen einer Fortbildung in einen partizipativen Forschungsprozess eingebunden werden - idealerweise im Sinne des "Forschenden Lernens", (z.B. zum Pädagogischen Sprachverhalten in Konfliktsituationen). Neben dem Erforschen und Verändern der eigenen Praxis, könnten hier tatsächlich Daten gesammelt und kategorisiert werden, die die Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse bilden.

Was bringt es für die Beteiligten?

Der Mehrwert des gemeinsamen Forschens liegt auf der Hand, zumindest für die wissenschaftliche Seite: Personen, deren Alltag sich nicht in einer Kinderbildungs- und betreuungseinrichtung abspielt, erhalten Zugang zum Tätigkeitsfeld, was von größter Bedeutung ist. Außerdem bekommen sie Informationen über Forschungswünsche und Rückmeldungen dazu, ob ihre Forschungsarbeiten für das Berufsfeld relevant bzw. wichtig sind.

Und wo liegt der Mehrwert des partizipativen Forschens für die Praxis?

Die Vision wäre, wie bereits angedeutet, dass Forschungsarbeiten ein fixer Bestandteil der pädagogischen Arbeit sind und zusätzliche Aufwände entsprechend abgegolten werden. Es dürfen nämlich dem Handlungsfeld keinesfalls noch mehr Ressourcen für die tägliche Alltagsbewältigung und -gestaltung entzogen werden (z. B. durch Aufzeichnungstätigkeiten).

Darüber hinaus gibt es aber noch andere Vorteile, beispielsweise die persönliche professionelle Weiterentwicklung, die mit der Erforschung des eigenen Berufsfeldes einhergeht. Die Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Praxis könnte neue Perspektiven für die persönliche Weiterentwicklung ebenso wie für Aus-, Weiter- und Fortbildungsangebote liefern.

Künftig wären PädagogInnen in der Lage, die eigene Berufsbiografie in der Art des neugierigen, forschenden und kreativen Lernens aktiv zu gestalten und damit ihre Qualifikation zu steigern. So würden sie wohl auch vermehrt Zugänge zu externen Personen erlangen, deren Beiträge für die Weiterentwicklung der Praxis (Feedback und Impulse von außen, theoretische Fundierung und Präsentation von Neuem etc.) unverzichtbar sind.

Ein Wunsch zum Schluss

Manchmals stellt sich das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis im elementarpädagogischen Feld wie eine klaffende Wunde dar. Für mich würde diese Wunde dann verheilen, wenn PädagogInnen durch den respektvollen Dialog mit der Wissenschaft immer wieder daran erinnert werden,

dass jede kleine, oft bedeutungslos erscheinende Alltagshandlung (sei es das liebevoll- pflegende Reinigen einer Tischplatte, das die Kinder später in gleicher Weise imitieren werden) an sich Pädagogik ist;

dass jede dieser Einzelhandlungen Teil einer übergeordneten pädagogischen Zielperspektive sein kann (z. B. Selbstwirksamkeit, sinnvolle Lebensgestaltung, Autonomie, Inklusion, soziale Gerechtigkeit, Solidarität …)

und dass Fachkräfte wissen: In der Wissenschaft gibt es viele Menschen, die sich forschend für unsere Arbeit interessieren und die bemüht sind, diese auch gesellschaftlich sichtbar zu machen.

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Mag.a Anita Giener-Grün, MA

Jahrgang 1980. Kindergarten-, Hort- und Sonderkindergartenpädagogin, Studium der Pädagogik. Erfahrungen in Weiterbildung und Psychomotorik. Mitarbeiterin der Priv. Pädag. Hochschule der Diözese Linz im Bereich Elementarpädagogik.

Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!

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