Ausgabe 3/2019

07/16/2019

3 / 2019

EDITORIAL

Eine Pädagogik des Zuhörens

Kennen Sie noch den etwas aus der Mode gekommen Ausdruck „Ganz Ohr sein“? Damit ist weniger die Zuwendung zu einer Schallquelle gemeint, als vielmehr, dass sich jemand Zeit zum Zuhören nimmt. Gelassenheit und Zeit, um Kindern – auch ohne pädagogische Absicht – das Ohr zu leihen und sich auf ihre Botschaften einzulassen, zählen meines Erachtens zu den größten Herausforderungen im Alltag mit Kindern.

Vielleicht sollten wir von der Titelfigur in Michael Endes Roman „Momo“ (2009) lernen. Das kleine Mädchen konnte auf eine Weise zuhören, dass allen Leuten plötzlich gescheite Gedanken kamen. Dies war nicht einer besonderen Frage- oder Moderationstechnik geschuldet, sondern dem Umstand, dass Momo einfach voller Aufmerksamkeit und Anteilnahme zuhörte: „Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm die Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.“

Eine solche Haltung des Innehaltens und Wachseins verlangt von Erwachsenen, eigene Antworten vorerst zurückzuhalten und sich wie Momo auf das geduldige Hinhören einzulassen. Es geht nicht nur darum, andere zu Wort kommen zu lassen, sondern auch, deren Anliegen zu erfassen. Genau dies haben deutsche ForscherInnen vor ein paar Jahren in einer ungewöhnlichen Studie umgesetzt: Um zu erforschen, wie sich Qualität aus Kindersicht darstellt, begleitete das Team die Kinder in sechs Kindergärten. Die zentrale Forschungsmethode bestand einzig und allein darin, achtsam zuzuhören.

Im oft turbulenten pädagogischen Alltag werden bewusste „Zuhörzeiten“ zu Achtsamkeitsübungen, um den Kindern mehr Gehör zu verschaffen. Wie die in dieser UNSERE KINDER-Ausgabe beschriebene Studie „Qualität aus Kindersicht“ (QuaKi) eindrucksvoll zeigt, verfügen Kinder über die Kompetenz, ihre Erfahrungen und Bedürfnisse mitzuteilen. Mehr noch, denn laut QuaKi-Studienleiterin Prof. Iris Nentwig-Gesemann „wissen sie intuitiv, was sie brauchen, um starke Persönlichkeiten sein zu können, die ihren Bildungsprozess aktiv gestalten.“

Wir Menschen können die Augen schließen, nicht aber die Ohren. Im Fall elementarpädagogischer Einrichtungen bedeutet dies unter anderem, dass Kinder neben den Spielgeräuschen mit „einem Ohr“ immer auch den Gesprächen der Fachkräfte folgen. Was werden sie aufschnappen? Tröstende und zugewandte Worte, ein nachdenkliches Gespräch beim Jausentisch, fröhliche Begrüßungsworte? Oder könnten ihnen auch verbale Grenzüberschreitungen wie Beschwichtigungen, Beschimpfungen, Erniedrigungen, Spott, drohende Belehrungen (à la „Wenn du nicht sofort, dann wirst du ...“) zu Ohren kommen? Machen wir uns bewusst, dass aggressive Worte der Beginn weitergehenden gewalttätigen Verhaltens sein können – wie dies aktuell mehrfach durch Medien aus Kindergärten und Krippen berichtet wurde.

Das Recht der Kinder, als gleichwürdige Mitglieder unserer Gesellschaft anerkannt zu werden, braucht den Willen der Erwachsenen, dies auch in allen Situationen des Zusammenlebens umzusetzen. Genau dazu und zum Nachdenken über die eigene Praxis rund ums Hören, Zuhören und Dazugehören wollen die Beiträge dieses Fachjournals ermutigen.

Anna Kapfer-Weixlbaumer

Anna Kapfer-Weixlbaumer MA

 Fachredaktion

Inhaltsverzeichnis

der Ausgabe 3/2019

Unser Thema

Bewusstes Zuhören - ist alles andere als selbstverständlich
Susanne Kühn & Kolleginnen  4


Ich möchte dazugehören Plädoyer für eine Kultur des Miteinanders
Martin Kranzl-Greinecker  9


Das Soziogramm - Methode zur Darstellung von Peer-Beziehungen und zur soziometrischen Analyse
Maria Nußbaumer  10


Unsere Praxis

Dialogische Bilderbuchbetrachtung - Bilderbücher als Brücken zum Hören und Zuhören
Eva Pölzl-Stefanec12


Wimmelstunde für VorschulkinderVeronika Mayer-Miedl15


Wenn du mir vorliestChristina Repolust16


Im Land der Märchen - Fantasievolles Vorlesen und Erzählen
Mariele Diekhof17


Kindgerecht aus Kindersicht - Die QuaKi-Studie untersucht Wünsche und Bedürfnisse
Iris Nentwig-Gesemann18


Wunder-Organ Ohr - Auditive Wahrnehmung ist mehr als Schallwellen empfangen
Magda Grafinger20


Unsere Lebenswelt

PädagogInnen und Eltern - Die Weichen für ein Gespräch werden lange vorher gestellt
Theresa Hauck, Marina Steiner-Kohlmann 22


Praxis Spotlight

Draußen sein - Gewinner-Ziehung
Susanne Sonnleitner 26


Draußen sein - Carlos, ein Esel zum Liebhaben
Susanne Sonnleitner 27


Menschen im Porträt

Karoline Golser - Kinderbuchillustratorin und -autorin
Christina Repolust 28


Service

Bücher ... für Sie ausgewählt 32


Plattform 36


LeserInnenreise 38


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