Ausgabe 4/2017

09/29/2017

4 / 2017

EDITORIAL

"Kinder kennen keine Grenzen" - eine ewige Klage

Die Frustration über entgrenzte Kinder und ihre Regelverstöße ist uralt. Schon vor über 2000 Jahren beklagte sich der altgriechische Philosoph Sokrates über die „Jugend von heute“, die weder Respekt noch Disziplin kenne.

Heutzutage vergeht kaum ein halbes Jahr, in dem Sokrates nicht durch eine Buchneuerscheinung Verstärkung bekommt (z. B. "Kinder an der Macht - Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung;
"Wir schaffen die Kindheit ab! Helikoptereltern, Förderwahn und Tyrannenkinder"; "Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können; "Die Rotzlöffel-Republik. Vom täglich Wahnsinn in unseren Kindergärten" ...)
An dieser Stelle sei ein klares Wort gestattet: Es ist beschämend, wie wenig Liebe, Zutrauen zum Kind und Optimismus vielfach aus diesen Titeln spricht! Gerade von Menschen, die sich für die vielbeschworene "Zukunft unserer Gesellschaft" einsetzen oder sich als PädagogInnen professionell mit Kindern beschäftigen, ist anderes zu erwarten. (Ver-)Störend sind vor allem der Ton und die Wortwahl. Verzichten wir bitte auf höchst problematische Vokabel wie Wahn, Wahnsinn oder Tyrannen, wenn es um Kinder geht!
Natürlich stimmt es, dass Heranwachsende Schwierigkeiten haben und auch bereiten. Natürlich geht uns allen manchmal die Luft aus und es reißt der Geduldsfaden. Natürlich müssen wir alle uns im täglichen Zusammenleben immer wieder neu auf verbindliche Regeln und Grenzen verständigen.
Und natürlich gibt es Grenzüberschreitungen - bei Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts, jeder Herkunft. Was soll daran so außergewöhnlich sein, dass man hunderte Buchseiten beschreiben oder lesen muss? Die dafür investierte Zeit wäre wahrscheinlich besser genutzt, würden wir sie mit den Kindern verbringen: als GesprächspartnerInnen und Vorbilder könnten wir ihnen stabile Beziehungen schenken, dazu Lob und Ermutigung, zugewandte Fürsorge, Räume zum Selbstständig-Werden, unverplante Zeit zum Spielen und Lernen ...
An all dem fehlt es viel mehr als am Gejammere über den "immer schwieriger werdenden Nachwuchs" oder an Vorschriften. Die Wahrheit ist, dass es an Ge- und Verboten nicht mangelt. Das Selbstexperiment, wie oft Kinder an einem Tag aus unserem Mund ein "Nein" hören, lohnt sich. Hand aufs Herz: Wie würde ich reagieren, wenn ich ständig an Grenzen stoße? Vor allem in unseren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sind wahre kleine "WeltmeisterInnen der Kooperation" zu finden, die pausenlos eigene (Lern-)Bedürfnisse zurückstecken und die Wünsche anderer erfüllen. Viele althergebrachte Rituale
haben die Gruppe im Blick, nicht Einzelne.
Am Schluss dieses Editorials für ein Fachjournal zu den pädagogischen Dauerbrennern
"Regeln, Grenzen, Rituale" kommt endlich jene Unterstreichung, auf die manche LeserInnen wohl schon warten: Ja, wir müssen jungen Menschen einen Rahmen anbieten und abverlangen. Aber bitte mit Respekt und Augenmaß!

Martin Kranzl-Greinecker

Martin Kranzl-Greinecker

Redaktionsleiter

Martin.kranzl-greinecker[at]caritas-linz.at

 

 

Inhaltsverzeichnis

der Ausgabe 4/2017

Unser Thema

Regeln Regeln wirklich etwas Über die schwierige pädagogische Aufgabe, mit Regeln und Grenzen umzugehen
Lothar Klein  4


Ja, Kinder brauchen Grenzen - ... aber es kommt darauf an, wie sie vermittelt werden
Anna K. Altzinger  9


Zeitliche und räumliche Strukturen - Sichtbare und unsichtbare Grenzen helfen, Vertrauen zu schaffen
Anna K. Altzinger  12


Unsere Praxis

Ganz Kind sein dürfen ... Regeln und Grenzen sollen das Lernen nicht behindern
Birgit Peter  14


Weil das im Kindergarten eben immer schon so war ... Eine Ermutigung, Regelwerke unter die Lupe zu nehmen
Theresa Hauck  18


Bussi-Treppe Beispiel für ein Abschiedsritual
Kindergarten St. Peter/Hart  21


"Leis, leis, leis, wir machen einen Kreis" Kreisirituale haben Tradition
Brigitte Webhofer  20


Unsere Lebenswelt

Hilfreich oder belastend? Bedeutung von Ritualen während der Eingewöhnungsphase in den Kindergarten
R. Haberl, K. Trunkenpolz  22


Menschen im Porträt

Janusz Korczak - Arzt, Pädagoge, Schriftsteller ...
Andreas Fischer 24


Service

Für Sie - Kindergärten in aller Welt (Bericht, Buch, Verlosung)28


Bücher ... für Sie ausgewählt29


Plattform 34


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