In der Vielfalt die eigene Spur finden

Simone Besenböck

08.02.2016

2/2016

Entwicklung einer subjektiven Ästhetik im Kinderalter  

Uns umgibt eine Welt, die durch und durch designt ist - alles und jedes Detail wird überformt, verschönert und behübscht, nicht immer mit Erfolg. Schönsein ist das höchste Ziel? Darüber - und über Fragen des Geschmacks - zerbrechen sich seit Jahrhunderten schon Philosophie, Kunst und Kunstkritik den Kopf. Doch muss immer alles schön sein? Wie spannend ist es, sich auf die Spuren von Banalem, Gräulichem oder Unästhetischem zu machen? Letztlich ist es das unbewertete Spiel, fernab jedes Geschmacksurteils, das die Persönlichkeit des Kindes stärkt und die eigene Spur finden lässt.

Simone Besenböck in UNSERE KINDER 2/2016

Emsig schneidet die fünfjährige Nika die vorgedruckte Ochsenfigur aus Papier für ihre eigene Weihnachtskrippe aus. In den luftleeren Raum um das Tier kommen viele kleine Figuren, wozu ist dieser Platz denn sonst da? Ein Schuhkarton wird kurzerhand zerschnitten, die Wasserfarben müssen her, eine Ecke leuchtet hellorange, rundherum dominieren Brauntöne. Danach halten noch Rindenstücke und Moos Einzug in die Behausung. Endlich kann auch der Ochs einziehen, doch was ist das? Dieses seltsame Papiertier passt nun so gar nicht mehr zum Stall. Das Rind erscheint nicht mehr "schön" und wird verworfen. Danach wird weitergeforscht, Wollfilz zusammengesucht ... eigene Figuren müssen hergestellt werden!

Die Philosophie der Kunst

Was steckt hinter einem Geschmacksurteil, wie dem eben beschriebenen? Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) meinte, dass wir zur Beurteilung eines Objektes - also, ob etwas schön ist oder nicht - nicht den Verstand, sondern die Einbildungskraft verwenden. Das Geschmacksurteil ist für ihn kein logisches Erkenntnisurteil, sondern subjektiv-ästhetisch. Die Fähigkeit, Ästhetisches wahrzunehmen und zu bewerten, nennt Kant "Geschmack". Um beurteilen zu können, ob etwas gut oder schlecht, schön oder schrecklich ist, sollte kein anderes Interesse oder Bedürfnis im Spiel sein. Ich darf beispielsweise weder Hunger noch Durst haben, wenn ich eine Speise beurteilen soll, da sonst nicht rein der Gegenstand (die Speise) beurteilt wird. Vielmehr wird auch meine Empfindung von Lust, Genuss und/oder die Befriedigung eines Bedürfnisses beim Urteil mitschwingen.

  •  Von persönlichen Komponenten abgesehen, ist auch der Schönheitsbegriff an sich immer einem Wandel unterworfen. Jede Epoche hat ihre eigene Vorstellung von dem, was schön, prächtig oder hübsch ist.

So gingen 1867 Kunstliebhaber mit Stöcken und Regenschirmen auf Edouard Manets Bild "Olympia" los, das heute zu den klassischen Schönheiten zählt. Vieles von dem wir glauben, dass es damals als schön galt, hat freilich mit unserer Interpretation zu tun.Aktuell bricht ein Sturm von Reizen auf uns und unsere Kinder herein. Fernsehen, Film, Plakat, Smartphone, Tablet, Internet, Werbung ... all das in atemberaubender Geschwindigkeit und Lautstärke. Der Sehsinn - wohl der bedeutendste Sinn unserer Zeit - wird ständig überfordert. "Hässlich ist das neue Schön" - so wird die neue Gucci-Kollektion beworben. Permanent erfolgen Anschläge auf die Netzhaut unserer Augen. Und dazwischen bewerten wir ständig, was gefällt und was nicht - Kleidung, Accessoires, Autos, Möbel werden ausgewählt oder verworfen. Welches Kinderbild ist das schönste, welches das unhübscheste?

Das Gegenteil von Schönheit: das Hässliche oder Unschöne

Das Schöne ebenso wie das Unschöne braucht sein Gegenteil, das eine kann ohne das andere nicht sein. In unserer Gesellschaft wird so vieles ästhetisiert und behübscht: Häuser, Gärten, Plätze, Einrichtung, Geschirr, Kleidung, Frisuren, Gebisse, Bauch, Beine, Po ... nichts wird sich selbst überlassen. Gleichzeitig findet auch das Hässliche oder Kranke in der Werbung ganz bewusst seinen Einsatz und oft wird unästhetisch mit vergänglich, weniger wert oder krank gleichgesetzt. Wäre das nicht ein Ansatz, um das Schöne im Nicht-Vollkommenen zu finden? Entsetzlichkeiten aus der Wirklichkeit (ein totes Flüchtlingskind, absurde Kunst, der Snoopy auf einem Gucci-Pullover ...) prägen den Alltag und verlangen unsere genaue Betrachtung. Es ist ein paradoxes Phänomen, dass allgemein als abstoßend geltende Dinge, Gestalten oder auch Kunstwerke dennoch einen ästhetischen Reiz auf uns ausüben. "Schaurig-schön" oder "schräg" lautet dann unsere Bewertung. Vielleicht sind deshalb ein Sponge-Bob und eine Monster-High-Barbie so erfolgreich?

Karl Rosenkranz (1805-1879) war ein deutscher Philosoph und beschrieb eine "Ästhetik des Hässlichen", in der er Naturhässliches, Geisthässliches und Kunsthässliches unterschied. Das Hässliche im Unvollkommenen, muss nicht immer hässlich sein - genauso wie das Vollkommene nicht immer schön sein muss. Der vor Kurzem verstorbene italienische Schriftsteller Umberto Eco hat ein ganzes Buch zur "Geschichte der Hässlichkeit" geschrieben. Es ist nicht einfach herauszufinden, was in anderen Epochen als hässlich galt. Gleichzeitig ist es atemberaubend - etwa in den Tanzmasken des westafrikanischen Ekoi-Volkes, in mittelalterlichen Portraits oder Höllen- bzw. Teufelsdarstellungen die bizarren Ausgeburten der Phantasie zu betrachten und sinnlich wahrzunehmen.

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Das (Un-)Schöne in Kunst, Natur und Märchen

Kunst ist auf der Suche nach Wahrheit, nicht auf der Suche nach Schönheit. KünstlerInnen verarbeiten in ihren Werken Gefühle und Erlebnisse. Es ist die Aufgabe der Kunstvermittlung, diese nachzuempfinden und nicht den Versuch zu machen, Werke nachzuahmen. Es entsteht dadurch lediglich eine Parodie, um die es nie gehen darf! Mit Kindern in eine Ausstellung zu gehen und Kunst zu betrachten, die nicht gleich augenfällig ist (z. B. Hermann Nitschs Schüttbilder oder "Color Field Paintings" von Ellsworth Kelly etc.), stellt eine Chance dar, um von sehr weit verbreiteten Künstlern wie Klee, Hundertwasser oder Arcimboldo weg- bzw. über sie hinauszukommen. Doch nicht nur im Museum stellt sich die Frage nach schön oder unschön. "Das ist schiach!", lautet ein oft gehörter Kommentar von Kindern. Und PädagogInnen schlagen gerne vor, während des Waldspaziergangs "schöne Steine und Blätter" zu suchen. Spannend wäre, in der Natur das Unansehnliche zu suchen - ein moderndes Blatt, eine verwelkte Blüte, einen von Pilzen überzogener Baumstamm?

Kurz ist der Weg zum Philosophieren über die Stadien im Leben einer Pflanze: Zeigt die Schönheit der Blüte ihre Vollkommenheit? Aber muss nicht die Blüte vergehen, um der Frucht Platz zu machen? Ist nicht der unscheinbare Same das Wichtigste? Solche Fragen können sich durch das ganze Kindergartenjahr ziehen und bieten Anregung für viele Gedankenspiele und Gespräche. Dabei muss nichts bewertet werden und die Aussagen können nebeneinander stehen bleiben, denn es gibt keine endgültige Antwort. Jede Phase ist notwendig, jeder Zustand bedingt den nächsten. Auch in Märchen wird bewusst mit dem Schönen und seinem Gegenpol gespielt. Da gibt es "das hässliche kleine Entlein" und die wenig attraktiven Hexen oder Zauberer einerseits und die schöne Schwester andererseits, die immer zugleich auch die gute und brave ist. All das kann Anlass sein, über Äußerlichkeiten und innere Werte zu sprechen - ganz im Sinne des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupery: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

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Die Aneignung von Welt im Spiel: Die eigene Spur finden

Wann immer sich Kinder ein "Bild" von sich selbst und von der sie umgebenden Welt machen, geht es primär nicht um die Betrachtung von Kunstwerken oder der Natur. An erster Stelle steht das Spiel, da es Ausgangspunkt für alle weiteren Prozesse der Aneignung und Verarbeitung von äußerer und innerer Wirklichkeit ist. Alle weiteren Bereiche entwickeln sich aus dem kindlichen Spiel heraus. Dazu braucht es Räume zum Spielen, die bewertungsfrei sind und zum Experimentieren einladen. Wenn es kein vorgegebenes Ziel, dafür aber genügend Zeit gibt, dann können Kinder an Erfahrungen anknüpfen, in Ruhe wiederholen und sich den eigenen Bedürfnissen entsprechend weiter entwickeln. Wahrnehmungen verbinden sich mit Empfindungen und mit dem Erleben der Außenwelt, der Gruppe und des eigenen Ichs. Die wertschätzende, nicht (be-)lehrende Haltung von PädagogInnen begleitet das Kind und hilft ihm, sich sein eigenes Bild von der Welt zu machen. Wir Erwachsenen sind eingeladen, zu dienen.

Bilder in Museen können angeschaut, bestaunt und besprochen werden; Gefühle und Interpretationen der Kinder können sehr spannend sein. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Kinder angeregt werden, Kunstwerke nachzuahmen. Es entstehen lediglich Kunstparodien! Kunst darf mit allen Sinnen genossen werden, sie aber zu imitieren, ist meist zum Scheitern verurteilt. Die Bilder der Kinder hingegen - so der "Erfinder des Malorts" Arno Stern - sollten unkommentiert bleiben, denn dann kann die Malspur die kindliche Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Auch andere Forscherarbeiten dürfen für sich ohne Bewertung stehen bleiben und sogar Fehler sind erlaubt, denn sie bieten plötzlich Chancen, die vorher nicht da waren ... Im unbewerteten Spielen erlebt sich das Kind als ein Individuum - mitten unter all den anderen, die nicht mit ihm in Konkurrenz treten, sondern wo jede/r sich entfalten kann. Der/die Spielende entwickelt das Selbst ohne Wertung und kann so in jede mögliche Richtung wachsen - seiner Spur folgen.

Autorin: Mag.a Simone Besenböck

Jahrgang 1977. Ausbildung zur Kindergartenpädagogin an der BAKIP der Kreuzschwestern Linz, Studium der Bildnerischen Erziehung und Technisches Werken an der Kunstuniversität Linz, Unterrichtstätigkeit in Wien (AHS) und Ausbildung bei Arno Stern. Dzt. selbständig mit einem Malort in Linz (Zusammenarbeit mit Volksschulen und Kindergärten).

Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!

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