Ganz Kind sein dürfen

Birgit Peter

11.08.2017

4/2017

Regeln und Grenzen sollen das Lernen nicht behindern

Kinder brauchen Werte, Regeln und Grenzen, an denen sie sich orientieren können. Die wirklich wichtigen Grenzen sind überall da, wo die Freiheit der anderen eingeschränkt wird und wo jemand (auch die Kinder selbst) oder etwas (das es wert ist, bewahrt zu werden) gefährdet wird. Werden Grenzen überschritten, ist es richtig und wichtig, Nein zu sagen, was für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gilt.

Birgit Peter in UNSERE KINDER 4/2017

Es ist früh am Morgen im Kinderzimmer von Felix. Er ist noch nicht ausgeschlafen, als sein Papa ihn weckt. Am liebsten würde er noch liegen bleiben, aber da Papa bald in die Arbeit muss, steht er auf.

Hektische Eile entsteht. Leider ist die Lieblingshose von Felix gerade bei der Wäsche, also muss er eine andere aussuchen. Zum Frühstück gibt es Brot mit Marmelade, denn der geliebte Haselnussaufstrich muss erst wieder gekauft werden. Felix hätte sein Brot gerne selbst gestrichen, aber dazu ist keine Zeit mehr. Papa hilft beim Schuhe anziehen und ist schon etwas genervt, weil alles so lange dauert.

Am Weg zum Kindergarten findet Felix ein Schneckenhaus am Wegrand. Wie gerne würde er noch eines suchen. Im Kindergarten angekommen, kümmert sich die Pädagogin gerade um ein neues Kind in der Gruppe und hat deshalb keine Zeit für ihn. Es sieht auch nicht danach aus, als könnte er bald in den Garten gehen, um weiter nach Schneckenhäusern zu suchen.
Felix hält Ausschau nach seinem besten Freund, doch der ist heute leider nicht da. Die Puppenküche, in der er ganz gerne spielt, ist an diesem Morgen von genau jenen Mädchen belegt, die ihn meistens nicht mitspielen lassen …

Dieser Bericht über einen ganz normalen Morgen im Alltag eines Kindergartenkindes enthält eine ganze Reihe von Regel-, Grenzund Frustrationserfahrungen, die das Kind bewältigen muss. Jeder Mensch erlebt täglich – oft auch versteckte – Einschränkungen. Vieles davon, was dem Wesen von Kindern, ihren Bedürfnissen, ihrem Schlafrhythmus, ihrem Lern- und Entdeckerdrang entspricht, passt nicht in den Alltag der Eltern und auch nicht in den von Krippe, Kindergarten, Schule oder Hort.

Unterschiedlichste Faktoren (Alter, Wetterverhältnisse, Materialangebot, Pläne der Erwachsenen, eigene Begabungen, kulturelle Herkunft, gesellschaftliche Spielregeln etc.) begrenzen die freie Entwicklung oder behindern die Erfüllung der eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Ideen und Träume.

Ärgern als Regulation der Bedürfnisse
Wenn Kinder etwas tun, das Erwachsene ärgert, dann wollen sie damit auf sich aufmerksam machen. Sie wünschen sich, gesehen, geachtet und verstanden zu werden und sorgen mit ihrem Verhalten für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Sie wollen lernen, entdecken und forschen, Spaß haben oder etwas ausprobieren. Manchmal bringen sie auch zum Ausdruck, dass es ihnen im Moment nicht gut geht und dass ihnen etwas fehlt – etwa Ruhe, Geborgenheit, Anerkennung, Bewegung …

Was Kinder mit ihrem Verhalten in den seltensten Fällen wollen, ist jemanden absichtlich zu ärgern. Und was sie in einem solchen Moment bestimmt nicht brauchen, sind Ärger, Strafen oder noch mehr Grenzen und Regeln. Vielmehr brauchen sie UnterstützerInnen ihrer kindlichen Bildung und Entwicklung, also „AnwältInnen für ihre Bedürfnisse“, die sich mit einfühlender Empathie und Wertschätzung auf die Suche nach Spiel-, Entscheidungs-, und Entdeckungsräumen begeben. Durch diese Hilfe können sie selbst besser kooperieren und vorhandene Frustrationen leichter aushalten. Besonders in Zeiten sich häufender Ratgeber, die dazu aufrufen, dem Feindbild des „kindlichen Tyrannen“ mit mehr Grenzen und Regeln zu begegnen, gilt es, verunsicherte Eltern in ihrer kompetenten Vorbildwirkung zu bekräftigen.

Oft geschieht das Lernen gerade dort, wo Regeln das Handeln verbieten. Lernen braucht primär Motivation, Engagement und Emotionen. Das Verbotene ist meistens aufregend und fordert regelrecht dazu heraus, es auszuprobieren und zu entdecken. Wenn Kinder ein Verbot übertreten, tun sie es nicht zwingend mutwillig, sondern vielleicht auch um des Lernens Willen. Nicht selten entspricht ihr Verhalten einfach dem, was im Moment für ihren Lern-und Entwicklungsfortschritt wichtig ist.

So auch Kindergartenkind Felix am beschriebenen Morgen, der gerade im Waschraum das Waschbecken verstopft. Natürlich will er damit niemanden ärgern. Für ihn ist es eine Lernerfahrung, bei der er experimentiert und spielerisch seine Umwelt erforscht …

Das Vorbild der Erwachsenen
Grenzen rund um die Kinder zu ziehen und nur der Vorschriften wegen alles zu verbieten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist wenig zielführend. Übergeordnetes Ziel sollte sein, die Kinder dabei zu unterstützen, selbstständige, verantwortungsbewusste Erwachsene zu werden, die gelernt haben, eigene Entscheidungen zu treffen und für sich bzw. ihre Bedürfnisse zu sorgen, ohne dabei auf andere zu vergessen.

Dies gelingt, wenn Erwachsene als gute und glaubwürdige Vorbilder die Kinder genauso respektvoll, einfühlsam und rücksichtsvoll behandeln, wie sie auch selbst behandelt werden möchten – vor allem dann, wenn Unerlaubtes getan wurde. Nicht durch enge Grenzen und starre Regeln, sondern durch das konkrete Erleben innerer Haltungen und enger Beziehungen sowie durch lösungsorientierte Dialoge in jeder Situation lässt sich das Ziel erreichen.

Zurück zu Felix am Waschbecken, denn gerade hat die Pädagogin den Waschraum betreten … Auf den ersten Blick bieten sich ihr zwei Möglichkeiten: Verbieten oder Erlauben, Begrenzung oder Freiheit, Schwarz oder Weiß. Auf den zweiten Blick hingegen gibt es (wie immer!) viele Alternativen. Entscheidend ist der erste Moment, nämlich jener, in dem die Pädagogin das Kind, den nassen Boden, den verstopften Abfluss und den geöffneten Wasserhahn entdeckt. In dieser Sekunde entscheidet sich, was das Kind am Waschbecken aus der Situation lernen wird. Schimpft und vebietet die Pädagogin, dann wird Felix entweder lernen, sich das nächste Mal nicht erwischen zu lassen bzw. eine/n andere/n Schuldige/n zu finden, oder er wird eine Strategie entwerfen, um dem Geschimpfe oder einer Strafe zu entgehen.

Aufs Schimpfen zu verzichten, fällt der Pädagogin nicht leicht. Aber sie möchte, dass Felix Verantwortungsbewusstsein lernt, also atmet sie dreimal hintereinander tief durch und besinnt sich auf ihre Werte und jenen respektvollen Umgang miteinander, den sie sich auch von den Kindern wünscht. Danach geht sie zu Felix, dreht den Wasserhahn ab und sagt: „Das Waschbecken läuft gerade über. Ich möchte nicht, dass der Boden im Waschraum nass wird, denn es könnte jemand ausrutschen und sich verletzen. Ich sehe, dass du gerne mit Wasser experimentieren möchtest. Hast du eine Idee, was wir nun machen können?“ Die beiden überlegen gemeinsam. Felix fühlt sich wahr- und ernst genommen. Er wollte wirklich gerne mit Wasser pritscheln, mit Dämmen, Durchflüssen und Verstopfungen experimentieren. Da es draußen warm ist, einigt man sich darauf, dass er im Garten weiter spielen und dort Erfahrungen machen darf.


Regeln und Grenzen, die Sinn ergeben
Die beschriebene Lösung ist nur eine von vielen Möglichkeiten. In einem anderen Fall wäre es dem Kind vielleicht ums Schütten und Mengenerfassen gegangen und die Lösung wäre eine Wanne mit unterschiedlichem Schüttgut wie Mais oder Reis gewesen. Oder aber, das Kind möchte sinnliche Erfahrungen beim Gatschen und Matschen machen, wofür sich ein Rasierschaumangebot oder eine Wasser-Stärke-Mischung eignen könnte. Vielleicht findet sich auch eine Möglichkeit, weiter im Waschraum zu experimentieren, ohne dass der Boden geflutet wird. Es kommt nicht darauf an, wie die Lösung genau aussieht, sondern vielmehr, ob die Bedürfnisse möglichst aller Beteiligten gewahrt sind.

Kinder brauchen verständnisvolle und auf Konsens bedachte Erwachsene, die im Dialog mit ihnen herausfinden, worum es geht, um dann gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die dem Bedürfnis gerecht und für alle in Ordnung ist.

Regeln sind wichtig, denn ohne sie funktioniert das Zusammenleben nicht. Sie geben Orientierung und Sicherheit, sofern sie reflektiert aufgestellt werden – idealerweise gemeinsam mit allen, die sie betreffen. Sie sollen auf die jeweilige Situation abgestimmt sein und für die Kinder überschaubar – und außerdem verhandel- und veränderbar. Sie dürfen das Lernen der Kinder nicht behindern, sondern sollen es vielmehr ermöglichen. Es lohnt sich, bestehende und neue Regeln nach diesen Kriterien zu prüfen und sie gegebenenfalls gemeinsam mit den Kindern zu überarbeiten. Auch das ist Lernen!

Und auch Grenzen sind wichtig. Sie dienen dazu, die Freiheit des Einzelnen zu schützen statt sie einzuschränken, und so das Wohlbefinden aller zu gewährleisten. Idealerweise wird die Beziehung zueinander und das gegenseitige Vertrauen gestärkt und die Kinder werden eingeladen, zu kooperieren. Das tun sie dann gerne, wenn sie sicher sein können, dass umgekehrt auch ihre eigenen Grenzen respektvoll gewahrt werden.

Birgit Peter

Autorin Birgit Peter
Jahrgang 1988. Ausbildung zur Kindergarten- und Früherziehungspädagogin an der BAKIP Linz. Seit 2013 Krabbelstubenpädagogin in Hörsching, OÖ; akademische Expertin für frühkindliche Bildung (Hochschullehrgang an der PHDL Linz).

 

 

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