Von Tieren und Kindern ... Tierärztin Tanja Warter im Interview

Christina Repolust

11.10.2017

5/2017

"Es ist immer schön, wenn kleine Kinder mit Tieren aufwachsen können."

Die Tierärztin und Journalistin Mag. vet.med. Tanja Warter (43) kennt ihr Metier, die Veterinärmedizin, gleich von mehreren Seiten: Sie hat in Deutschland und England studiert, praktizierte in Österreich und hilft immer gern bei Tierarzt-Kolleginnen aus. "Bevor ich mein Studium begann, arbeitete ich als Journalistin bei einer Zeitung. Jetzt verbinde ich mein Fachwissen mit meiner Liebe zum Schreiben", verrät sie. Als "Doc Warter" beantwortet sie bei den Salzburger Nachrichten immer wieder Leserinnen-Fragen, recherchiert Geschichten über Tiere bzw. über Tiere und Menschen.

Dass dabei Kinderfragen eine große Rolle spielen, ist neben ihrer fundierten Fachkompetenz, ihrer hingebungsvollen Art und dem ausgeprägten Humor ein Grund, "Doc Warter" in UNSERE KINDER vorzustellen.

Beim Interview hat die in Vorarlberg lebende Tiermedizinerin verraten, welches Kinderbuch sie besonders mag. Es handelt sich - wohl berufsbedingt - um "Ich hab eine Freundin, die ist Tierärztin" von Ralf Butschkow (2014 in der Reihe LESEMAUS im Carlsen-Verlag erschienen).

Christina Repolust in UNSERE KINDER 5/2017

Unsere Kinder: Jedes Jahr gibt es am Kinderbuchmarkt jede Menge Neuerscheinungen, in denen Tiere eine große Rolle spielen oder gar zentrale Figuren sind. Immer wieder ist zum Beispiel ein Wolf der beliebte Held und Mittelpunkt einer Geschichte. Wenn Sie solche Bücher oder Buchillustrationen ansehen, finden Sie das dann kindisch? Oder fehl am Platz? Oder teilen Sie die Freude der Kinder an solchen Titeln?

Warter: Meinen Sie, ob ich es blöd finde, dass Tiere häufig vermenschlicht werden? Nein, ich finde diese Bücher lustig und amüsant. Hier sind doch Tiere gezeichnet bzw. dargestellt, die einen Charakter und besondere Fähigkeiten haben. Manche sind besonders schlau, manche tollpatschig, manche schnell und manche langsam. Kinder begegnen hier dem gesamten Repertoire an Kompetenzen und Verhaltensweisen, die es auch bei uns Menschen gibt.

Es stört Sie also nicht, wenn etwa der bunte Elefant „Elmar“ von David McKee durch das Pappbilderbuch turnt. Noch dazu mit einem grellbunten Karomuster am Leib, das nun einmal kein Elefant hat.

Warter: Kinder kennen doch die Farbe eines Elefanten und können sehr wohl zwischen dem Tier im Bilderbuch und jenem in der Freiheit oder im Zoo unterscheiden. Grau ist grau und bunt ist bunt. Ich sehe da kein Problem. Genausogut gibt es den frechen Kater Findus in den Geschichten von Petterson und Findus oder die eigene Katze, die sich am Abend zu den Kindern ins Bett schleicht und nicht sprechen kann.

In regemäßigen Abständen gibt es in verschiedenen Teilen Österreichs große mediale Aufregung über Wölfe. Die einen fordern, dass sie zum Schutz von Schafherden gleich erschossen werden dürfen und andere sorgen sich um ihr Überleben. Am Buchmarkt freilich treiben sich allerhand witzige und freche Wölfe herum ...

Warter: Klarerweise sehen betroffene Bäuerinnen und Bauern ihren Viehbestand durch Wölfe bedroht. Das Thema ist eine große Streitfrage und es gilt, die Standpunkte zu klären. Wenn wir als Menschen die Ansicht vertreten, dass wir die Vorherrschaft über die Welt innehaben, werden wir, sobald wir Schafe halten, die von Wölfen gerissen werden können, die Tötung der grauen Räuber fordern. Hier sind unsere Schafe, ein Teil unserer Existenz, und dort ist der Feind, der Wolf. Früher gab es Hirten und Hüterbuben, die mit den Herden auf die Alm gingen – vor allem, um das Überleben der Tiere zu sichern. Klar stürzte auch damals immer wieder ein Schaf in eine Schlucht, das konnten die Kinder nicht verhindern, aber immerhin konnten sie die Wölfe allein durch ihre Anwesenheit fernhalten. Heute kommen Herden allein auf die Alm und von Zeit zu Zeit reißen Wölfe dort Schafe, denn zweifellos betrachtet der Wolf das Schaf als Opfer. Wenn wir also die Natur für uns passend machen wollen, dann müssen wir die Wölfe erschießen, das ist die Logik. Andererseits gibt es NaturschützerInnen und TierliebhaberInnen, die sich um die Wölfe sorgen. Die Landwirtschaft beklagt dann herbe Verluste und neben dem Finanziellen geht es ja auch um die Bedrohung des Viehbestands bzw. der Herden, die mit Liebe gehalten und versorgt werden. 

Wie erfahren Kinder von diesen Gesetzen der Natur und den Eingriffen der Menschen? Wie erfahren Kinder, die nicht aus dem bäuerlichen Umfeld kommen, vor bzw. abseits der Schule von Wölfen und Schafen?

Warter: Kinder erfahren nicht erst in Bildungseinrichtungen, dass eine Ernährungspyramide besteht – also das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden existiert. Einerlei, was ihnen ein Bilderbuch erzählt, nehmen Kinder wahr, wie die Natur funktioniert. Sie gehen wohl nie davon aus, dass in der realen Welt oder in der Natur, Schaf und Wolf Freunde werden und sich gegenseitig in den Arm nehmen. BuchautorInnen spielen mit solchen natürlichen Gegensätzen, bringen die List des an sich Schwächeren ins Spiel, erzählen von schüchternen Wölfen und mutigen Schafen oder Hühnern. Dass es in Wirklichkeit anders ist, wissen Sie, die Bilderbuchleute, das wissen die Kinder, das wissen wir alle. 

Sie sind für eine wöchentliche Kolumne verantwortlich, eine Art eine Tier-Sprechstunde. Welche Fragen stellen hier Kinder an Sie?

Warter: Kinder fragen viel und sie fragen genau. Einmal lautete eine Frage: „Stirbt eine giftige Schlange, wenn sie sich unglücklicherweise selbst in die Zunge beißt?“

Und, stirbt sie? Das ist eine interessante Frage, die ich mir noch nie gestellt habe …

Warter: Natürlich weiß ich auch nicht alles aus dem Stand. Also beginne ich zu recherchieren, wälze die Fachliteratur, erkundige mich und versuche eine Antwort zu schreiben. Noch ein Beispiel gefällig: Müssen Fische auch Wasser trinken? So etwas wollen Kinder wissen und darauf bekommen sie von mir ernste, fundierte Antworten. Auch die Aufzucht von zugelaufenen Tieren ist immer wieder ein Thema junger Menschen. Immerhin sind manche von ihnen bereit, einen kleinen Vogel im 20-Minuten-Takt zu füttern, damit er überlebt.

Sie beantworten die Mails der Kinder, geben Anregungen und schicken Informationen. Gibt es darauf Reaktionen, bleiben Sie mit den Kindern in Kontakt?

Warter: Ja, ziemlich oft sogar! Kinder sind stolz darauf, wenn sie einem Tier helfen konnten. Valentina etwa war 10 Jahre alt, als sie ein mutterloses Rehkitz fand und es retten konnte. In den vergangenen vier Jahren hat sie es regelmäßig gesehen und begleitet. Ist das nicht eine zauberhafte Freundschaftsgeschichte?

Sind Kinder aus sich heraus empathisch zu Tieren? Wieviel „Tier“ braucht ein Kinder außerhalb der Welt der Bilderbücher?

Warter: Es ist zu unterscheiden zwischen Bilderbüchern, die keine Sachinformationen zu den abgebildeten Tieren liefern bzw. liefern wollen. Daneben gibt es aber auch Buchreihen mit Sachinformationen, z. B. zu Haustieren wie Hamster, Schildkröte oder Meerschweinchen. Ab einem Alter von ca. elf Jahren können sich Kinder verantwortungsvoll – damit meine ich auch regelmäßig und verbindlich – um ein Haustier kümmern. Und dass bei jüngeren Kindern der Umgang mit Haustieren tatsächlich das Einfühlungsvermögen, also die Empathie schult, ist wissenschaftlich untermauert.

Sind Ihrer Meinung nach Kindergartenkinder mit der Betreuung eines Haustiers noch überfordert? Sollten sie warten, bis sie groß genug sind?

Warter: Die Kinder leben ja nicht allein, sondern in einem Familienverband. Da gibt es Eltern oder ältere Geschwister, die sie in die Pflege des Haustieres einbeziehen könnten und die die Letztverantwortung für das Wohl des Tieres tragen. Aber es ist immer schön, wenn kleine Kinder mit Tieren aufwachsen können.

Manchmal gehen Dreijährige nicht gerade pfleglich mit Meerschweinchen, Katzen etc. um. Ist das Überforderung oder sadistische Lust am Quälen?

Warter: Nein, oft handelt es sich dabei um Kinder, die sich in der sogenannten Tierquäler-Phase befinden. Das ist ganz normal und hängt mit dem Forscherdrang zusammen: Was macht die Katze, wenn ich sie am Schwanz ziehe? Wie fühlt es sich an, wenn ich dem Hamster mit meinem Finger ins Auge fahre? Erst wenn ein Kind mit etwa vier Jahren versteht, dass all das weh tut und es mir unangenehm ist, wenn mich jemand an den Haaren zieht oder ins Auge greift, entsteht Empathie. Das will ich nicht – und die Katze will das nicht und das Meerschwein will das auch nicht. Außerdem reagieren die Tiere ja auf die unangemessenen Versuche der Kinder.

Wie war das bei Ihnen als Kind? Wohnung oder Bauernhof? Meerschwein oder doch größere Tiere?

Warter: Stark geprägt hat mich der Bauernhof meiner Großmutter. Alles begann mit ihren Kühen, der „Scheckin“, dem „Sternchen“ und der „Blume“. Nur die Hühner waren dort namenlos. Meine Großmutter traute und mutete mir viel zu, ich habe geholfen und damit meine ich richtige Aufgaben erfüllt. Später dann, da war ich schon erwachsen, kamen eigene Kühe, zwei Pferde und ein Hund dazu.

Und heute organisieren Sie sogar Kongresse über die Mensch-Tier-Beziehung, etwa das „animalicum“, das im kommenden Jahr erneut in Bregenz stattfindet. Herzlichen Dank für das Gespräch!



Infos im Web:
www.docwarter.com
www.animalicum.com

Foto: Salzburger Nachrichten

Dr.in Christina Repolust

Dr. in Christina Repolust

Jahrgang 1958, ist Germanistin und freie Journalistin. Sie leitet das Referat für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg.

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