Das Österreichische Umweltzeichen für Kindergärten

Samira Bouslama

11/27/2018

Ein Gütesiegel für besondere Initiativen von Kinderbetreuungseinrichtungen

Das Österreichische Umweltzeichen für Kindergärten! Ein Gütesiegel für besondere Initiativen von Kinderbetreuungseinrichtungen Was macht einen ausgezeichneten Kindergarten aus? Ist es die Ausrichtung der pädagogischen Arbeit nach den Bedürfnissen der Kinder? Oder das Raumkonzept und die Innen- und Außenausstattung? Oder ist es vor allem die gesunde und ökologische Ernährung, die den Kindern geboten wird?

 

Samira Bouslama in UNSERE KINDER 5/2018 (Sonderbeilage: Themen, Trends, Debatten)

„Es ist all das und noch viel mehr“, so Arno Dermutz vom Verein für Konsumenteninformation (VKI), der gemeinsam mit dem FORUM Umweltbildung maßgeblich an der Richtlinienausarbeitung für das Umweltzeichen beteiligt war, das nun neben Schulen auch Kindergärten auszeichnet. Dabei konnte er Einblicke in die Arbeit vieler verschiedener Kinderbetreuungseinrichtungen gewinnen.

Das Österreichische Umweltzeichen ist ein Gütesiegel des Umweltministeriums und zeichnet Kindergärten aus, die sich insbesondere für hochwertige Bildung, Gesundheit und Wohlergehen der Kinder engagieren. Zusätzlich setzen die zertifizierten Einrichtungen Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz. „Jeder Kindergarten setzt dabei eigene Schwerpunkte und doch gibt es einige, die als „Best practice Beispiele“ bezeichnet werden können“ so Arno Dermutz. In Bildungseinrichtungen, die Wert auf Nachhaltigkeit auf allen Ebenen legen, haben die Kinder die Möglichkeit, Tag für Tag ein Verständnis für die dahinterliegenden Werte aufzubauen und ein dahingehendes Verhalten kennenzulernen. Hier einige Besonderheiten von Einrichtungen, die immer wieder neue Ideen haben, um den Bildungsalltag nachhaltig zu gestalten.

Kreativ und nachhaltig gestalten

Das Verständnis für die Natur und Umwelt sowie ein respektvoller Umgang miteinander sind zentral in der Philosophie von Sonnenscheinchen, dem betrieblichen Kindergarten von Sonnentor in Sprögnitz/NÖ. Dabei erleben die Kinder nicht nur die liebevoll gestalteten Räumlichkeiten sondern lernen auch selbst, dass aus gebrauchten Materialien noch schöne Dinge entstehen können. Bewusst werden scheinbar wertlose Alltagsgegenstände und gebrauchte Möbel sinn- und stilvoll eingesetzt. Aus Holzabfällen werden gemeinsam mit den Kindern Bausteine hergestellt und aus einer mit Eierkartons ausgekleideten Schachtel wird ein Lärmhaus, in dem die Kinder die Akustik innerhalb und außerhalb vergleichen können. Außerdem können die Kinder auf einer selbstgebastelten Lärmuhr einstellen, wie sie den Geräuschpegel momentan empfinden.

Partizipation leben – auch mit den Jüngsten

Dass Kindergartenkinder schon viele kleine und große Dinge, die sie betreffen, mitentscheiden können und wollen, zeigt der Betriebskindergarten der WU Wien. Es gibt in jeder Gruppe gewählte GruppensprecherInnen (jeweils ein Bub und ein Mädchen). Diese durften zum Beispiel mittels einer Kinderkonferenz die Verpflegung und Spiele des Faschingsfestes auswählen. So gab es statt der üblichen Faschingskrapfen Muffins und als Programm Kinderkino und Kinderdisco. Auch beim täglichen Speiseplan werden die Kinder miteinbezogen. Jeweils eine Kindergruppe darf aus dem Angebot der Mensa den Menüplan für die nächste Woche zusammenstellen.

Räume für unterschiedliche Interessen

Der Betriebskindergarten Finanzzentrum in Wien-Mitte war ebenfalls einer der Pilotkindergärten für das Österreichische Umweltzeichen. Durch das pädagogische Angebot KIWI waren bereits einige Qualitätsmerkmale wie ein erhöhter Betreuungsschlüssel und die Arbeit mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten gegeben. Zusätzlich werden in diesem Kindergarten auch Schwerpunkträume für die Arbeit mit verschiedenen Themen angeboten. Kreativität und Musik, Rollenspiel und Sprache, Sinne und Wahrnehmung, Bauen und Konstruieren sowie Naturwissenschaft und Technik können in diesen Räumen erlebt werden.

Kochen mit Bioqualität und Männerquote

Der Privatkindergarten und -hort „Mary Poppins“ vertritt seit über fünfzig Jahren die Interessen der politisch und konfessionell unabhängigen Kindergärten und Horte in Wien. Es wird Wert auf einen hohen Betreuungsschlüssel und eine hohe Männerquote gelegt. Das Thema der Ernährung liegt den Verantwortlichen sehr am Herzen. Daher werden die Speisen täglich frisch mit hochwertigen, regionalen Biolebensmitteln zubereitet. Auch auf die ökologische Verträglichkeit der Reinigungsmittel wird geachtet. Selbstverständlich sind auch Fortbildungen für die MitarbeiterInnen – unter anderem rund um das Österreichische Umweltzeichen.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Nicht nur die Kinder und die PädagogInnen sind Teil des Umweltzeichenprozesses sondern auch die Trägerorganisationen. Und vor allem die Eltern sollen in die durch die Zertifizierung angestoßenen Veränderungen einbezogen werden. Dies ist vor allem im Städtischen Kindergarten in Graz-Lustbühelstraße sehr gut gelungen. Die Eltern sind selbst Teil des Umweltzeichenteams und organisieren neben der „ReUse Ecke“ auch den Flohmarkt und die Tauschbörse. So kann Nachhaltigkeit im Bereich Konsum und Wiederverwendung gemeinsam mit den Kindern gelebt werden.

Kulturelle Vielfalt erleben

Der Städtische Kindergarten Brucknerstraße am Rande des Bezirks Jakomini in Graz legt neben der Vermittlung von österreichischen Traditionen auch großen Wert darauf, den Kindern Aspekte und Lebensformen der verschiedensten Kulturen näherzubringen. Durch das Erzählen von Geschichten aus anderen Ländern, dem Singen von Liedgut und der Darstellung von verschiedenen Lebensweisen auf der ganzen Welt schaffen wir ein respekt- und verständnisvolles Miteinander der Kulturen im Kindergarten. Dies wird unterstützt durch einen Betreuer mit afrikanischen Wurzeln, der den Kindern nicht nur Englisch und Französisch, sondern auch seine afrikanische Muttersprache nahebringt.

Das große Ganze sehen

Das Österreichische Umweltzeichen für Kindergärten gibt nicht nur Mindestanforderungen vor. Es ermutigt Betreuungseinrichtungen, sich ihrer eigenen Stärken bewusst zu werden und im Sinne des lebenslangen Lernens stets auszubauen. „Es ist eine Auszeichnung für unser authentisches, umweltorientiertes Arbeiten, für unser begeistertes und konsequentes Tun, für unser engagiertes Team und ein wichtiger Beitrag für unser pädagogisches Konzept. Uns ist bewusst geworden, dass viele der Ziele schon seit der Gründung für unsere Einrichtung selbstverständlich sind. In der Vorbereitung für die Zertifizierung konnten wir viele neue Erfahrungen und Impulse sammeln“, so Erika Gutmann, zuständige Abteilungsleiterin des „Sonnenscheinchens“ im Waldviertel.

Einiges kann auch durch den Umweltzeichenprozess gelernt werden. So wurden beispielsweise ergonomische Stühle in Gruppenräumen oder konkrete Fortbildungen für die MitarbeiterInnen vorgeschlagen. „Wichtig ist es vor allem, die Vielfalt der Wirkungen und Leistungen zu sehen. Pädagogik, Umweltschutz, Partizipation der Kinder, die Gesundheit der MitarbeiterInnen, Mobilität, Integration – die Gesamtheit der Initiativen macht einen guten Kindergarten aus“, so Arno Dermutz. Dabei werden alle mit ins Boot geholt: Kinder, PädagogInnen, Eltern und Träger. So lassen sich gemeinsam die besten Entscheidungen für das Wohlergehen der Kinder und eine nachhaltig gestaltete Zukunft treffen.

HINWEIS: Wenn auch Ihr Kindergarten zum Umweltzeichen-Kindergarten werden möchte, dann wenden Sie sich bitte an info[at]umweltzeichen.at. Online-Infos unter www.umweltzeichen.at/kindergarten

Bildnachweis: Sonnentor

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