Der Wald als Bildungsraum

Riccarda Jäger

06/22/2020

Wer heute der Natur begegnet, wird sie morgen schützen

 

 

Was bedeutet es für ein Kind in einem Raum zu sein, der keine sichtbaren Grenzen aufweist? In einem Raum zu sein, der jeden Tag anders aussieht und dem ständigen Wandel der Jahreszeiten unterliegt? Was zeichnet den Wald als Bildungsraum aus?

Hinter diesen Fragen steht die Überzeugung, dass kindliche Naturbegegnungen nicht nur entwicklungsfördernd sind, sondern auch die Umweltkompetenz der zukünftigen Erwachsenen prägen. Nur was wir kennen, lieben wir und nur, was wir lieben, schützen wir – dieser oft zitierte Grundgedanke sollte ElementarpädagogInnen ermutigen, schon mit den Jüngsten die Natur als Bildungsort möglichst oft aufzusuchen.

Bildungsort Natur – (k)ein Phänomen unserer Zeit?

Die Beschäftigung mit Natur ist ein Thema, das gegenwärtig sehr präsent zu sein scheint, wenn man nur einen Blick auf die Umwelt- bzw. Klimaschutzdebatten wirft – zumindest bis alles vom Corona-Virus überschattet wurde. Oder denken wir an die von der jungen Schwedin Greta Thunberg initiierten „Fridays for Future“-Bewegung, an der sich Hunderttausende SchülerInnen in aller Welt beteiligen. Das Sachbuch von Richard Louv „Das letzte Kind im Wald“, in dem er den Verlust kindlicher Naturerfahrungen beklagt, steht auf den Bestsellerlisten ganz oben. Dieses, von einem amerikanischen Journalisten und Umweltaktivsten geschriebene Buch enthält viele Fragestellungen, von denen ich einige im Folgenden beleuchte:

Weshalb beschäftigt uns die scheinbare Naturentfremdung der Kinder? Woher kommen die „Zurück zur Natur“-Trends?

Der in der Waldorfpädagogik beheimatete deutsche Erziehungswissenschaftler Harm Paschen weist darauf hin, dass immer mehr naturpädagogische Anstrengungen unternommen werden, die als Antwort auf die vermehrt „künstliche Welt“ betrachtet werden können. Sowohl was Erziehungsinhalte als auch Bildungsformen betrifft, ist die Beschäftigung mit der Natur ein zentrales Thema, bei dem es gleichermaßen um ihre Bedeutung wie um ihren Erhalt und Schutz geht. (Vgl. Paschen 2002)

Keinesfalls handelt es sich bei der Beschäftigung mit Natur im pädagogischen Kontext um ein Phänomen des 21. Jahrhunderts, denn dies ist ein klassisches Thema der pädagogischen Reflexion seit der Antike. (Vgl. Tenorth 2013)

Viele bedeutende Pädagogen haben in den vergangenen Jahrhunderten der Natur als Lehrmeisterin eine besondere Bedeutung beigemessen. Sehr bekannt wurden damit der Aufklärer Rousseau (Vgl. den Beitrag von Christiana Glettler in dieser Ausgabe) oder Fröbel als „Vater des Kindergartens“. Für Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782– 1852) spielte bei der Gründung des Kindergartens im Jahre 1840 Natur eine zentrale Rolle: Zum einen sollte dies ein Ort sein, an dem Kinder wie Pflanzen ihrer Natur entsprechend wachsen, gepflegt und zum Blühen gebracht werden können. Zum anderen stellte der Natur- und Gewächsgarten für Fröbel einen unerlässlichen Teil seiner Betreuungseinrichtung dar, in dem die Kinder das Natur- und Gartenleben erfahren können.

Warum hat der Wald als Bildungs- und Erfahrungsraum so große Bedeutung?

Offiziellen Angaben zufolge ist beinahe die Hälfte Österreichs (4,02 Millionen Hektar = 47,9 % der Staatsfläche) bewaldet. Dass der Aufenthalt im Lebensraum Wald erzieherische und bildende Wirkung hat, wird u. a. im Waldpädagogik-Handbuch von Eberhard Bolay und Berthold Reichle (Schneider Verlag, 2015) festgestellt.

Der Wald eröffnet den Kindern weite und offene Spielräume mit ausreichend Spiel- Materialien wie Stöcken, Blättern, Steinen, Erde und vielem mehr – dem kindlichen Spiel sind kaum Grenzen gesetzt.

Alle Sinne werden im Wald angesprochen, denn dort können wir gleichzeitig sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen, das Gleichgewicht üben …

Bedeutsam ist der Wald als Bildungsort auch wegen seiner sich ständig verändern den Raumelemente. Während die Räume von Einrichtungen durch Geschlossenheit und gleichbleibender Beständigkeit gekennzeichnet sind, wandelt sich der Wald auch ohne menschliches Einwirken andauernd, ist also autonom strukturiert.

Zwar ließe sich einwenden, dass die meisten Wälder hierzulande ja durch Forstorgane nach forstwirtschaftlichen Aspekten geplant und gestaltet werden (entsprechend dem im österreichischen Forstgesetz definierten „Waldentwicklungsplan“), aber dennoch sind den Beeinflussungen durch den Menschen Grenzen gesetzt. Zu vielfältig und unkontrollierbar sind die Einwirkungen, denen jeder Wald tagtäglich ausgesetzt ist: Wetter, Verwitterung, Wachstum, Leben, Tod, Luft- und Wasserqualität, atmosphärische Einflüsse – um nur einige Faktoren zu nennen, die die Raumstrukturen des Waldes verändern.

Die kontinuierlichen Veränderungen im Wald-Raum passieren unterschiedlich schnell: manche, beispielsweise die Oberflächenveränderung eines Steines, gehen so langsam vonstatten, dass die Kinder sie nicht unmittelbar wahrnehmen. Andere Veränderungen, etwa das Wachsen der Blätter im Frühling oder die Laubfärbung im Herbst, können die Kinder problemlos beobachten und wahrnehmen. Angesichts dieser naturbedingten und vom Menschen unabhängigen Veränderungen, zeigt sich jeder Aufenthalt im Wald für Kinder als einmalig und nicht auf dieselbe Weise nochmals erlebbar. (Vgl. Miklitz 2018)

Wöchentliche Waldtage oder Waldwochen mit der Kindergartengruppe eignen sich sehr gut, um den Wald in seiner Vielfalt kennenzulernen und die natürlichen, beständigen Veränderungen in der Natur zu beobachten, wahrzunehmen und um im Wald vom Wald zu lernen.

Was lässt sich im Wald lernen? Welche Spielanlässe bieten sich?

Nicht nur das Beobachten der natürlichen Vorgänge und das Lernen über den Wald sprechen für regelmäßige Waldaufenthalte mit Kindergruppen, sondern auch die vielfältigen Bildungsanlässe, die der Wald mit seiner autonom strukturierten Umgebung ermöglicht. Der Wald-Raum an sich und die unterschiedlichen Materialien, die er Kindern bietet, lassen unendlich viele persönliche Bedeutungszuschreibungen und Interpretationsmöglichkeiten zu. So ist ein Stecken im Wald nicht bloß ein Stecken, sondern kann zum Schwert, zum Stift, zum Zauberstab und noch vielem mehr werden. Blätter können im (Rollen-)Spiel zu Geld umfunktioniert werden, sind aber auch zum Kochen, Malen, Verkleiden etc. verwendbar. Ein abgeschnittener Baumstamm dient als Sitzgelegenheit ebenso wie als Tier, Haus, Insel, Balanceelement und vieles mehr. Anders als bei einem Sessel in einem geplanten Raum, der bereits durch seine Form auf eine bestimmte Funktion, nämlich das Sitzen, hinweist, wird mit dem Baumstamm nicht unmittelbar das Sitzen assoziiert. (Vgl. Miklitz 2018)

Naturmaterialien im Wald sind frei von Bedeutungszuschreibungen und jeder Gegenstand erhält für und durch die Kinder unterschiedlichste Bedeutungen. Die vielfältigen Interpretationen sowie die Unstetigkeit des Waldraumes fördern die Fantasie und Kommunikation der Kinder, verlangen aber auch „ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Flexibilität, Anpassung, Kreativität und Einfühlungsvermögen.“ (Ebd.)

Grundsätzlich gilt, dass die Naturmaterialien, mit denen wir im Wald spielen – anders als bei vorgefertigtem Spielmaterial – nicht von Menschen erschaffen und verändert wurden, sondern dass die Natur die Strukturen vorgibt.

Im Wald auf alle Regeln verzichten? Wie lässt sich ein Rahmen schaffen?

Natürlich brauchen auch Aufenthalte im Wald Strukturen und Grenzen. Diese ergeben sich einerseits durch die Geländestruktur des ausgewählten Waldstückes, andererseits durch die Vereinbarungen mit den PädagogInnen. Kinder werden im Wald ihre eigenen körperlichen und emotionalen Grenzen spüren, z. B. beim Klettern, Laufen oder Risikoabschätzen.

Wer mit Kindern im Wald unterwegs ist, sollte vor allem darauf achten, dass Eingriffe in die autonome Strukturierung des Waldraumes nur bei absoluter Notwendigkeit (z. B. Beseitigung von Gefahren) passieren. Völlig verfehlt wäre, wenn PädagogInnen aus ästhetischen Gründen einen Waldplatz aufräumen, säubern oder ebnen. Gemeinsames Sammeln und Entfernen von Müll, der leider immer wieder im Wald gefunden wird, ist hingegen sinnvoll. Ganz generell ist wie gesagt, die autonome Struktur des Waldes möglichst zu belassen.

Sind frühe Walderfahrungen bedeutsam für die Entwicklung der persönlichen Einstellung zum Umweltschutz?

Aufenthalte im Wald haben häufig nicht nur positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern, sondern können auch zur Grundlage dafür werden, sich für den Erhalt und Schutz von Natur und Umwelt zu engagieren. Vor allem in umweltpädagogischen Konzepten ist die These zentral, „dass nur dann, wenn Kinder zur Natur eine Beziehung entwickeln, sie auch deren Zerstörung wahrnehmen können.“ (Gebhard, 2013)

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen machen auf den Zusammenhang von Naturerfahrung und Umweltbewusstsein aufmerksam. Manche dieser Studien belegen den großen Einfluss positiver Naturerlebnisse in der Kindheit auf die Entwicklung umweltbewusster Einstellungen, naturschützender Einstellungen und Handlungsbereitschaften.

Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Ulrich Gebhard weist in diesem Zusammenhang darauf hin, „dass Naturerfahrungen Kindern in vielen Hinsichten gut tun; erst sekundär und gewissermaßen nebenbei kann es dabei auch um eine Moralisierung der Kinder gehen.“ (Ebd.)

Kindliche Naturerfahrungen prägen die Beziehung zur Natur im Erwachsenenalter auch dann, wenn umweltpädagogische Absichten nicht im Vordergrund stehen. Es sollte uns also bewusst sein, dass jede frühe Naturerfahrung, etwa bei regelmäßigen Aufenthalten im Wald mit der Kindergartengruppe, Einfluss darauf haben kann, wie Menschen mit der (Um-)Welt in Zukunft umgehen werden. Gerade der Hinweis, dass die Wertschätzung für die Natur „ganz nebenbei“ passiert, sollte uns PädagogInnen motivieren, vermehrt den Wald als Bildungsraum aufzusuchen.

 

Bildnachweis: lunamarina/shutterstock

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Riccarda Jäger, BA

Jahrgang 1989. Kindergarten, Hort- & Waldpädagogin, Kinderyogalehrerin. Mehrjährige Berufserfahrung in Österreich und Belgien. Studium der Erziehungswissenschaft in Innsbruck. Dzt. Masterstudium Bildungswissenschaft an der Uni Wien.

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