Es wirkt! Wie Lernen gelingt

Susanne Sonnleitner

11/30/2020

"Bildungspapst" John Hattie über die Bedeutung von Haltung, Feedback und Selbstwirksamkeit

 

 

Ein Interview von Susanne Sonnleitner

Die englische Times betitelte ihn einst als den „wohl einflussreichsten Bildungswissenschaftler der Welt.“ Der gebürtige Neuseeländer John Hattie ging in 15-jähriger Forschungsarbeit der Frage nach, unter welchen Umständen Kinder und Jugendliche am besten lernen. Herausgekommen ist eine gigantische Studie mit dem Titel „Visible Learning“, eine Bewertung all jener Maßnahmen, die Bildungsqualität ausmachen.

Heute, zwölf Jahre nach Veröffentlichung der Studie, forscht Hattie immer noch. Wir von der UNSERE KINDER-Redaktion sind besonders an seinen Erkenntnissen zur Elementarpädagogik interessiert.

Als ich den Bildungsexperten zur Videokonferenz treffe, sitzt er am Küchentisch in seinem Haus in Melbourne. In Australien ist es Zeit fürs Abendessen, in Österreich frühmorgens. Wer sich mit dem Siebzigjährigen über das Lernen unterhält, würde nicht vermuten, dass gegenüber die Ikone der Bildungsforschung sitzt, so unkompliziert und angeregt verläuft das Gespräch. John, so soll ich ihn nennen, warnt zu Beginn vor seinen Hunden: „Sometimes they’ll go crazy“, meint der Professor. (Wie sich im Laufe des Interviews herausstellte, sollte er Recht behalten, denn sie schlugen mehrmals laut an …).

John, bei einer Konferenz 2018 sprachen Sie sich dafür aus, die Schule zu einem Ort zu machen, an den Kinder immer wieder gern zurückkehren. Das ist eine große Vision. Wo ist anzusetzen?

Unser fundamentales Problem ist, die Motivation und das Engagement am Lernen zu erhalten. 95% der Fünf- bis Sechsjährigen freuen sich auf die Schule, sie wollen etwas lernen. Am Ende der Grundschule sinkt diese Rate auf 30% bis 40%. Das liegt daran, dass wir uns zu sehr auf Bildungspläne und Beurteilungen konzentrieren und auf das, was wir lehren. Wir sollten jedoch hinterfragen, was das Ziel von Schule ist, was hinter dem Lernen steckt und vor allem, wie wir lernen.

Wie das gelingen kann, darüber gibt Ihre Studie reichlich Aufschluss. Aber lassen sich die Ergebnisse auch auf die frühkindliche Bildung übertragen? Haben Sie in dem Feld geforscht?

Ich habe mir Lernende im Alter zwischen drei und zwanzig Jahren angeschaut. Natürlich inkludiert „Visible Learning“ den frühkindlichen Bereich. Es hat sich aber in dieser Altersgruppe ein ganz besonders wichtiger Punkt herausgetan, nämlich die Sprache. Kinder zum Reden zu bewegen, muss das oberste Ziel sein. Deshalb bin ich ein großer Fan davon, Situationen mit Sprache zu schaffen. Gerade in der frühkindlichen Bildung wird das Spiel so hoch gehalten, das macht mich manchmal verrückt. Am Spiel ist grundsätzlich nichts auszusetzen, aber manche Spiele haben keine Sprache, und das ist nicht, was wir wollen. Wir brauchen das Spiel, um Sprache zu entwickeln. Das liegt in unserem ureigenen Instinkt und wir beobachten das, wenn Zwei- bis Dreijährige ständig nach dem „Warum“ fragen. Über Sprache eignen sie sich ihr Weltverständnis an.

Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die in die Schule kommen, Sprachschwierigkeiten haben?

Ja, und es ist so hart für sie, das aufzuholen. Dazu kommt noch, dass es ihnen oft an Verständnis im sozialen Umgang mangelt, an der „Theory of Mind“, weil sie nicht gelernt haben zu kommunizieren. (Anm. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Emotionen anderer zu erkennen und zu verstehen). Das ist im Übrigen die wesentliche Aufgabe des Elternhauses. Eine Studie hat herausgefunden, dass ein fünfjähriges Kind aus einer schwachen sozioökonomischen Familie um durchschnittlich 30 Millionen Wörter weniger gehört, zugesprochen und vorgelesen bekommen hat, als ein gleichaltriges Kind mit besserem sozialen Status. Stellen Sie sich das vor! Schon in diesem jungen Alter hat das Kind eine so viel schlechtere Ausgangslage. Deshalb ist Sprache die eigentliche Aufgabe der frühkindlichen Bildung.

Der in Ihrer Heimat Neuseeland implementierte Bildungsrahmenplan „Te Whariki“ gilt als sehr erfolgreich. Inwiefern bietet dieser eine gute Basis zur Schulvorbereitung?

„Te Whariki“ ist sicher einer der besten Bildungspläne weltweit. Das Problem bei Curricula ist allerdings, dass sie nicht immer und überall so umgesetzt werden, wie dies der Fall sein sollte. Bei „Te Whariki“ steht die Sprache im Vordergrund, aber auch die Beziehung der Kinder zueinander. Außerdem beschäftigt sich dieses Konzept mit den verschiedenen Arten, wie Kinderlernen. Marie Clay, eine bereits verstorbene neuseeländische Wissenschafterin und die Begründerin von „Reading Recovery“ (Intensivprogramm für englischsprachige Fünf- bis Sechsjährige, die im ersten Schuljahr Schwächen in der Lese- und Schreibfähigkeit aufweisen; Anm.), hat zudem ein Schulvorbereitungsverfahren entwickelt, das in Neuseeland auch weitreichend verwendet wird. Fünf- bis Sechsjährige, die aus „Te Whariki“-Programmen kommen, sind in der Regel sehr erfolgreich.

„Visible Learning“ hat aufgezeigt, dass die pädagogische Haltung ungemein wichtig ist, damit Kinder lernen können. Welche persönlichen Eigenschaften müssen gute PädagogInnen mitbringen?

Sie müssen empathisch sein, offen für Neues und gut zuhören können. Und, hey, PädagogInnen müssen Kinder mögen! Auf genau diese Dinge achten wir bei den Fachkräften, die wir für unser Programm auswählen.

Das ist nachvollziehbar. Für viele irritierend hingegen sind Ihre Erkenntnisse über die Klassen- bzw. Gruppengröße, …

Ahhhh … (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen)

… denn in Österreich wird gerne über die Gruppengröße diskutiert. Man bevorzugt hier kleine Gruppen, erwartet man sich dadurch doch eine Verbesserung der Betreuungsqualität. Sie hingegen sagen, dass die Reduktion der Kinderzahl pro Gruppe nichts bringt. Ist das logisch?

Zunächst ist zu sagen, dass die Verkleinerung der Gruppengröße durchaus qualitative Auswirkungen hat, allerdings ist der Effekt sehr, sehr klein. Wir haben uns angeschaut, was passiert, wenn die Kinderanzahl pro Gruppe, beispielsweise von 18 auf 13 reduziert wird. Das Ergebnis: Nicht viel. PädagogInnen in kleineren Gruppen reden nicht wesentlich mehr mit den Kindern, es gibt auch nicht mehr Feedback.

Die Frage ist also nicht, ob kleinere Gruppen sinnvoll sind, denn natürlich liegt in ihnen Potenzial. Vielmehr ist zu hinterfragen, warum PädagogInnen auch in kleineren Gruppen ihr Verhalten nicht ändern und dem einzelnen Kind mehr Zeit widmen. (Anm. Diese Aussage bezieht sich nicht explizit auf den elementarpädagogischen Bereich, sondern auf das Schul- bzw. Pre- School-System).

In Ihrer aktuellen Forschung sticht ein Aspekt besonders hervor, nämlich die kollektive Selbstwirksamkeitsüberzeugung von PädagogInnen. Was bedeutet das?

Was mich interessiert, ist herauszufinden, wie wir am besten auf Kinder wirken können. Die Antwort ist für Schule und Kindergarten gleichlautend: Durch Zusammenarbeit! PädagogInnen müssen sich mit ihrer Wirkung, ihrem Einfluss auf und ihren Erwartungen an die Kinder auseinandersetzen, und zwar gemeinsam mit KollegInnen. Das braucht Zeit und Ressourcen! Es ist Aufgabe der LeiterInnen, ein Klima zu schaffen, in dem PädagogInnen sich gegenseitig helfen und ihr Wissen und Verständnis teilen. Heute sind PädagogInnen oft mit der überhöhten Erwartungshaltung konfrontiert, ExpertInnen für alles sein zu müssen. In Studien beklagen von Burnout betroffene Fachkräfte die mangelnde oder fehlende Unterstützung innerhalb ihrer Teams. Viel liegt also in der verantwortungsvollen Leitung von Einrichtungen. Wenn es diesen gelingt, unter den MitarbeiterInnen ein vertrauensvolles Klima zu schaffen, dann folgen viele positive Effekte automatisch nach.

 

Bildnachweis: John Hattie

Zur Studie "VISIBLE LEARNING"

2008 veröffentlichte der Bildungsforscher Prof. John Hattie diese weltweit größte empirische Bildungsstudie. Mit seiner Forschung wollte er herausfinden, was guten Unterricht ausmacht. Dazu sichtete der in Melbourne lehrende Universitätsprofessor sämtliche englischsprachigen Studien zum Thema „Lernerfolg“. Die darin behandelten Aspekte reichten von Hausaufgaben über Elternarbeit bis zum Sitzenbleiben. Mehr als 800 Metaanalysen mit Daten von 250 Millionen SchülerInnen flossen in Hatties Studie ein.

Aus der gigantischen Analyse definierte Hattie jene Maßnahmen und Lernbedingungen, die Einfluss auf den Lernerfolg von SchülerInnen haben. So entstand eine Rangliste mit 138 Faktoren. Hatties Erkenntnisse sorgten weltweit für Furore in der pädagogischen Community, da er insbesondere darauf hinwies, dass organisatorische und strukturelle Bedingungen kaum Einfluss auf den Lernerfolg haben. Dazu gehören etwa die finanzielle Ausstattung einer Einrichtung oder die Klassen- bzw. Gruppengröße. Auch reformpädagogische Lehrmethoden, wie altersgemischter oder offener Unterricht, würden kaum Wirkung zeigen.

Was hingegen wirkt, sind die Lehrpersonen (zu denen im anglo-amerikanischen Bereich auch ElementarpädagogInnen zählen; Anm.) – zum einen in ihrer Persönlichkeit, zum anderen in ihrem Handeln. Guter Unterricht setze eine pädagogische Haltung voraus, die von Wertschätzung, Interesse an den Lernenden und Begeisterungsfähigkeit gekennzeichnet ist, aber auch von der Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und sich in Kinder hineinzuversetzen, um ihre Lernprozesse vorausschauend zu begleiten.

Zudem müsse Lernen für alle Beteiligten „sichtbar“ gemacht werden, etwa durch klare Zielsetzung und deren Überprüfung und permanentes gegenseitiges, neutrales Feedback. Aus diesem Grund appelliert Hattie seit Jahren an die Politik, in die Fort- und Weiterbildung von PädagogInnen zu investieren, anstatt teure Bildungsreformen umzusetzen, die doch nur die Oberflächenstruktur im Bildungssystem verändern.

Hatties neueste Erkenntnisse messen der Zusammenarbeit von PädagogInnen höchste Bedeutung bei. Die so genannte „Kollektive Selbstwirksamkeitsüberzeugung“ ist in seinem aktuellen Ranking, das mittlerweile auf 252 Einflussgrößen angewachsen ist, der bedeutsamste Faktor für erfolgreiches Lernen in der Schule.

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Susanne Sonnleitner, BA

Jahrgang 1982. Studium der Kulturwissenschaften an der Uni Linz. Seit 2017 Marketingverantwortliche im Verlag UNSERE KINDER und freie Journalistin, lebt in OÖ.

Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!

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