Menschen im Porträt: O. Fred Donaldson

Eva Berger

08/13/2019

Psychologe, Spielforscher und leidenschaftlich Spielender

Sie kugeln sich auf dem Boden. Stoßen sich gegenseitig um, um sich im nächsten Augenblick wieder aufzurichten und erneut umzufallen. Gemeinsam. Spontan. Mit vielen Berührungen und jeder Menge Körperkontakt. Es braucht keine Sprache. Die Grundlage ist Freiwilligkeit, Gewaltlosigkeit, Präsenz und Achtsamkeit. Die Rede ist vom "Original Play", dem ursprünglichen Spiel, das der 74-jährige O. Fred Donaldson seit über 40 Jahren praktiziert, beforscht und weitergibt.

Ursprünglich arbeitete Donaldson als Universitätsprofessor für Geografie, Anthropologie und Kulturwissenschaften. Er wurde gekündigt, als er seine Studierenden nicht mehr benoten wollte und ihnen Briefe schrieb. Als nach einem Jahr als Surfer am Strand das Geld ausging, begann er als Aushilfslehrer an einer Schule zu arbeiten. "Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit Kindern umgehen sollte. Aber ich wusste: Meine Aufgabe ist es, ein Lehrer für das Spielen zu werden", erzählt er Eva Berger, die ihn für UNSERE KINDER getroffen hat, über die Anfänge des Original Play.

Eva Berger in UNSERE KINDER 4/2019

Wie beginnt man eine Schuleinheit im Fach „Spielen“? Wie waren Ihre Anfänge?

Ursprünglich kannte ich Spielen nur als Sportart. Hockey, Basketball – aber das war in der Klasse nicht möglich. Also ging ich in das Klassenzimmer, setzte mich auf den Boden und wartete. Zuerst passierte gar nichts. Ich wusste ja auch nicht, was ich tun sollte. Zum Glück wussten es die Kinder. Sie rannten zu mir, krabbelten über mich und zeigten mir, was ich zu tun hatte. Ich verbrachte in der Schule sechs Stunden am Tag. Und ich hatte ein gänzlich neues Berufsbild ins Leben gerufen. Schon nach kurzer Zeit begann der Wissenschaftler in mir neugierig zu werden. Ich suchte nach Mustern im kindlichen Spiel, daran dachte bis dahin niemand. Ich fand tatsächlich drei große Muster.

Welche drei Muster sind das?

Das erste, das ich beobachten konnte, war, wie Kinder ihre Augen benutzen. Die Kinder sprachen nicht mit mir, wie und warum sie auf diese Art und Weise mit mir spielten. Sie sahen mich an und sagten mir durch ihre Blicke, was sie wollten. Und sie sagten es sich auch gegenseitig. Das zweite Muster betrifft die Hände. Ich habe durch die Kinder gelernt, meine Hände zu benutzen. Ich dachte immer, Hände berühren im Spiel zufällig. Das stimmt nicht. Wenn Kinder dich nicht kennen, berühren sie zuerst deine Hände und Füße. Wenn sie dir vertrauen, arbeiten sie sich von unten nach oben am Körper. Und erst ganz am Schluss folgt der Kopf.

Wir Erwachsenen sind oft verleitet, Kindern beim Vorbeigehen den Kopf zu tätscheln. Das ist sicherlich der falsche Weg. Und das dritte Muster ist noch immer ein Mysterium. Es waren in dieser Schule nur Kinder, in deren Spiel nie ein Wettbewerb entstand. Kein Gewinnen, kein Verlieren, keine Schuld, keine Rache.

Woran lag dieses harmonische Miteinander?

Das ist die Frage. Es ist in unseren Kulturen verhaftet, sich gegenseitig zu messen, herauszufordern, zu besiegen. Meine Vermutung war, dass es daran lag, dass ich in einer Privatschule tätig war. Also ging ich nach Mexiko und setzte mich zu Kindern aus armen Verhältnissen. Die Kinder hatten kein Zuhause, sie wuchsen auf der Straße auf. Viele von ihnen trugen Waffen bei sich, um sich zu verteidigen. Ich kniete mich zu ihnen auf den Boden und wartete. Mexikanisch konnte ich nicht mit ihnen kommunizieren. Aber es war in dieser Situation auch kein Gespräch notwendig. Die Kinder gingen ohne Aggression und Gewalt auf mich zu. Sie spielten mit mir. Genau wie die Kinder in der Privatschule.

Sie spielen nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Erwachsenen und sogar Tieren. Sind es die gleichen Muster, die erkennbar sind?

Ich spielte zuerst mit Kindern. Egal ob mit Autismus, aus Gangs oder privilegierten Familien. Dann verbrachte ich zehn Jahre regelmäßig in einem Wolf-Reservat. Wölfe nehmen genau auf die gleiche Art und Weise Kontakt auf. Sie suchen den Augenkontakt. Sie senden die gleichen Botschaften. Sie berühren zuerst Hände und Füße. Ich berührte ihre Pfoten. Wilde Delphine in Australien, Bären, Hirsche – egal mit wem ich spielte, sie alle spielen auf die gleiche Art und Weise. Das war die Zeit, in der ich die Idee zum Original Play hatte.

Sie haben schon auf der ganzen Welt gespielt. Sind kulturelle Unterschiede erkennbar?

Wir haben zwei Arten von Spiel auf der Welt. Das eine ist kulturell. Das ist „Sport“, das sind Spiele und Aktivitäten, die Erwachsene Kindern lernen. Sie lernen Kindern die Werte, von denen sie denken, sie sind wichtig. Vertrauen und Teamwork. Aber Original Play hat nichts mit Kultur zu tun. Es ist Gott, es ist Schöpfung, es ist Leben. Jedes Lebewesen auf der Erde hat die gleiche Gabe zu spielen.

Bauen und Konstruieren, Rollenspiele – das kindliche Spiel kann sehr viele Formen annehmen. Wie wichtig sind diese Situationen für Kinder dann?

Natürlich gehört das kulturelle Spiel dazu. Aber wenn du ein Brettspiel mit deiner Familie spielst, geht es immer um das Gewinnen und Verlieren. Der Mensch lernt dabei nichts. Wenn du aber tatsächlich die Liebe im Spiel spürst, dann brauchst du das alles nicht. Dann spielst du nicht, um zu gewinnen. Dann bist du da, um eine Verbindung zu anderen Menschen zu haben. Wer gerne Basketballer werden möchte, muss wissen, warum er das tut. Die Frage muss lauten: Kann man die Liebe des Original Plays ins kulturelle Spiel mitnehmen? Ja. Dann ändern sich unsere Beziehungen und das Spiel selbst. Das hängt auch mit Berührungen zusammen.

Welche Rolle spielen Berührungen im Spiel?

Die Menschen haben verlernt, wie man sich gegenseitig berührt. Sie berühren sich nur noch kulturell. Das heißt, sie spiegeln ihre eigenen Bedürfnisse in der Berührung wider, aber nicht die des Gegenübers. Ich sorge mich vor allem um die Kinder, die viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Einen Bildschirm zu berühren, ist nicht vergleichbar damit, einen Freund oder ein Tier zu berühren. Sie können es nicht mehr unterscheiden. Im Original Play lernen wir Mädchen und Jungen wieder, wie sie jemanden berühren müssen und wie sie Berührungen auch empfangen können. Das gleiche gilt auch für Erwachsene.

Fällt es Erwachsenen schwerer, sich auf das Original Play einzulassen?

Erwachsene wollen kontrollieren. Sie wollen die Situation im Griff haben und Kindern sagen, was sie zu tun haben. Aber so funktioniert Spiel nicht. Es ist eine Kunst, als Mutter oder Vater mit dem Kind zu spielen und aus der Rolle des Elternteils zu schlüpfen. Auch PädagogInnen müssen aus der Rolle schlüpfen. Wir haben Angst, Kinder könnten den Respekt verlieren. Und wir realisieren, dass manche Kinder gelernt haben, aggressiv zu sein.

Wie können Erwachsene mit aggressiven Kindern dann spielen?

Erwachsene müssen lernen, die Aggression aufzunehmen, ohne selber aggressiv zu werden. Im Original Play lernen wir, wie wir emotional und körperlich sicher sind. Wenn Erwachsene sich nicht sicher fühlen, kann sich auch das Kind nicht sicher fühlen. Wenn du einem Kind sagst „Hör auf zu kämpfen“ bringt das nichts. Das Kind verbindet mit den Aggressionen im Kampf starke Gefühle. Du musst die Coolness des Kämpfens mit der Coolness des Spielens schlagen, um es nicht zu verlieren. Aggression nur zu stoppen, ist nicht das Ziel. Du musst sie auffangen und positiv ersetzen.

Somit haben PädagogInnen und Eltern eine wichtige Rolle im Spiel der Kinder?

Die haben sie. Aber die Gesellschaft macht es Eltern nicht leicht, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Der Druck ist groß. Wenn wir auf unseren natürlichen Instinkt hören, kann schon sehr vieles gut gemacht werden. Ein zweijähriges Kind nimmt man hoch, wenn es sich nicht sicher fühlt. Dieses Prinzip kann man auf alle Menschen umlegen. Wir brauchen einen Weg, uns zu berühren. Das ist es, was wir tun müssen, damit wir einander sagen: Du bist sicher, du bist liebenswert. Original Play verkündet uns diese Denkweise.

Bildnachweis: www.originalplay.at

TIPP: Auf www.originalplay.at finden Sie weitere Informationen: Video, Bücher, Vortragstermine, Workshops, Spielgruppen sowie Angebote von erfahrenen SpielleiterInnen!


Eva Berger

Jahrgang 1990. Ausbildung an der BAKIP Ried/I., Berufserfahrung im Kindergarten Bad Schallerbach (OÖ) sowie als Redakteurin. Absolventin des Hochschullehrgangs "Bildung in der frühen Kindheit", dzt. Fachberaterin bei der Caritas für Kinder und Jugendliche in Linz.

 

 

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