Raphaela Keller

Susanne Sonnleitner, BA

12/31/2020

Elementarpädagogin, Bildungsaktivistin, ehem. ÖDKH-Vorsitzende (ÖDKH = Österr. Dachverband der Berufsgruppen der Kindergarten- und HortpädagogInnen)

 

 

Ein Interview von Susanne Sonnleitner

Schon während ihrer Schulzeit begann Raphaela Keller damit, Dinge zu hinterfragen. Später, im Beruf, war es für die ausgebildete Kindergarten- und Hortpädagogin am spannendsten, mit kritischen Kindern zu arbeiten. Auch die Beziehungsarbeit mit den Eltern war ihr besonders wichtig, denn bereits früh erkannte die heute 63-Jährige, dass sich dadurch auch die Beziehungsqualität zu den Kindern verbessert.

Seit vielen Jahren erhebt Bildungsaktivistin Raphaela Keller die Stimme für die KollegInnen in der Elementarpädagogik. Ihre politische Laufbahn begann sie als Mandatsnehmerin in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (heute „younion“), doch dieses Engagement bereitete nur den Boden für ein höheres Ziel: die ÖDKH-Gründung ab 1991. Dieser überparteiliche, konfessions- und trägerInnenunabhängige Verein setzt sich für alle ElementarpädagogInnen bildungs- und gesellschaftspolitisch ein. 2012 übernahm Keller den Vorsitz. Der „Tag der Elementarbildung”, der jährlich am 24. Jänner begangen wird, war ihre Erfindung.

In enger Zusammenarbeit mit der mittlerweile verstorbenen Sprecherin der Plattform EduCare Heidemarie Lex-Nalis setzte Keller in den letzten drei Jahrzehnten richtungsweisende Schritte. Der Entwurf für ein Bundes- RahmenGesetz zur Qualitätssicherung in elementaren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen ist nur einer davon.

Im Oktober hat Raphaela Keller den Vorsitz des ÖDKH an ihre Nachfolgerin übergeben. Im Gespräch mit Susanne Sonnleitner reflektiert sie, wo ElementarpädagogInnen heute in der Gesellschaft stehen.

Ist das Berufsbild der ElementarpädagogInnen heute attraktiv? Warum sollten AbsolventInnen einer BAfEP in den Beruf einsteigen?

Schon in der Ausbildung sehen angehende ElementarpädagogInnen, wie die Rahmenbedingungen im Beruf sind. Diese widersprechen den sehr anspruchsvollen Ausbildungsinhalten. Denn die Ausbildung zeigt ein Idealbild, das so in den Einrichtungen nicht umgesetzt werden kann. Um moderne Bildungsarbeit leisten zu können, bräuchte es besseres Handwerkszeug und stärkere Persönlichkeitsentwicklung.

Nach intern kolportierten Zählungen steigen lediglich 20 bis max. 40% der BAfEP-AbsolventInnen in den Beruf ein, viele von ihnen nur kurzzeitig bzw. in Teilzeit. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass junge Menschen den elementarpädagogischen Beruf ergreifen, wenn sie davon überzeugt sind, dies sei genau ihr Job. Nur Leute im Berufsfeld können die Rahmenbedingungen verbessern, indem sie sich vernetzen und gemeinsam ihre Stimme erheben.

Der ÖDKH versteht sich als Interessenvertretung der ElementarpädagogInnen gegenüber der Politik. Was tut er konkret für PädagogInnen, die in der Praxis stehen?

Wenn es darum geht, die Situation in elementaren Bildungseinrichtungen zu verändern, ist der ÖDKH der erste Ansprechpartner. Wir sind sehr gut vernetzt, zum einen über die sozialen Medien, zum anderen mit den Berufsgruppen der einzelnen Bundesländer. Wir sprechen mit Medien, mit DienstgeberInnen, aber auch mit Landesregierungen und Ministerien. Mit den Leuten, die Entscheidungsmacht haben. Wir können aber nur agieren, wenn wir Infos aus der Praxis haben. Daher bitten wir um Mitteilung, wo in Krippe, Kindergarten oder Hort der Schuh drückt.

Während der Corona-Pandemie im Frühjahr hat sich gezeigt, dass der Kindergarten (noch) nicht volle Anerkennung für das gefunden hat, was er eigentlich ist: eine ganzheitliche Bildungseinrichtung. Im Lockdown wurde der Kindergarten von der Politik vielfach zur reinen Betreuungseinrichtung degradiert. Welches Bild vom Kindergarten hat die Gesellschaft heute?

Im Corona-Lockdown wurde die Haltung der Entscheidungstragenden tatsächlich deutlich sichtbar. Ihnen ging es um Betreuung, um Vereinbarkeit von Kindern und Beruf. Eigentlich schockierend ist für mich aber, dass es selbst innerhalb unserer Berufsgruppe dieses falsche Verständnis gibt. Viele PädagogInnen bezeichnen sich immer noch als BetreuerInnen. Dabei ist jede Betreuungssituation auch eine Bildungssituation, das kann man nicht voneinander trennen. Kinder lernen immer und überall. Deshalb funktioniert das nicht zu sagen, vormittags mache ich Bildungsarbeit und nachmittags „betreue“ ich nur.

Erfreulicherweise anerkennt die Öffentlichkeit den Kindergarten zunehmend als Ort der frühen Bildung, der auf Lebensbildung und die Vermittlung von Basiskompetenzen zielt. Das zeigen laufende Umfragen, die der ÖDKH in Auftrag gibt. Nur bei den Entscheidungstragenden fehlt dieses Verständnis vollends. Studien und Berichte aus der Praxis gäbe es genug, die belegen, dass die Investition in die frühe Bildung nicht nur sinnvoll ist, sondern auch dazu beitragen kann, Folgekosten zu vermindern. Sie werden leider von der Politik nicht gesehen.

Mittlerweile gibt es die vom ÖDKH lange geforderten Lehrgänge an FHs, PHs bzw. Unis und sie erfreuen sich großen Zuspruchs. Sind Sie zufrieden?

Ja und nein. Abgesehen vom Wissenserwerb und der Persönlichkeitsentwicklung bieten diese Lehrgänge keine konkreten beruflichen Perspektiven. Mit der Höherqualifizierung ist nicht automatisch etwa ein besseres Gehalt verbunden. Der ÖDKH fordert bereits seit 1993 ein grundlegendes Studium der Elementarpädagogik, das für InteressentInnen an allen pädagogischen Berufen offen steht, ob Elementar-, Schul- oder Sozialpädagogik. Wir sind der Meinung, dass PädagogInnen aller Bildungsorte zuerst ein Basiswissen um die Entwicklung von Kindern von Null bis zum Ende der Schulpflicht erlangen sollten. Erst danach sollte eine Spezialisierung mittels Modulen erfolgen. Damit würde auch ein Umstieg innerhalb der pädagogischen Berufe erleichtert werden. Die BAfEP könnte man in ein sozialpädagogisches Gymnasium umwidmen, für diejenigen, die schon im jungen Alter von dreizehneinhalb Jahren Interesse an sozialpädagogischen Berufen zeigen.

Welcher das dann genau ist, wäre zu diesem Zeitpunkt noch nicht relevant. Im Gegensatz zum jetzigen System, in dem sich junge Teenager im Prinzip schon für einen konkreten Beruf entscheiden, wenn sie mit der BAfEP beginnen.

In der Steiermark schlugen ÖVP und SPÖ jüngst vor, Menschen in pädagogisch nahen Berufen mittels Crashkurs zu ElementarpädagogInnen zu befähigen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ein Aufschrei bildungsbewusster Menschen und Organisationen war die Folge, dennoch ging der Antrag durch. Was bedeutet diese Entscheidung für die Elementarpädagogik?

Das Problem ist, befristete Regelungen wie diese werden meist verlängert, gerade in der Elementarpädagogik. Wir sehen das in Oberösterreich. Dort hat man mit der Einführung der kostenpflichtigen Nachmittagsbetreuung die Bildungs- und Betreuungszeit im Kindergarten getrennt. Auch hier zeigt sich eine Degradierung des Bildungsauftrages und dorthin geht leider auch der Trend. Länder und Gemeinden beklagen den PädagogInnenmangel, der aber nur deshalb entstanden ist, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Und weil man kein Geld in die Hand nehmen will, entstehen solche Notlösungen wie in der Steiermark.

Welche Konsequenzen sind konkret zu befürchten?

Wir wissen genau, Kinder können nur Entwicklungsfortschritte machen, wenn sie in stabilen Beziehungen sind. Eine gute Beziehungsqualität garantiert erst pädagogisches Handeln. Wenn nun jemand eine gruppenführende Funktion im Kindergarten übernimmt, der/die unzureichend ausgebildet ist, dann ist unsere wertvolle Bildungsarbeit nicht mehr gewährleistet. Eine Absolventin eines Pädagogikstudiums, die nie in einem Kindergarten gearbeitet hat, kann diese Leistung nicht erbringen. Ebenso wenig AssistentInnen, deren Aufgaben im Kindergarten nicht vergleichbar sind mit jenen einer PädagogIn. Unsere Leute haben eine fünfjährige Praxisausbildung, die kann man nicht so einfach aushebeln. Schon gar nicht mit einem 30- stündigen Crashkurs.

Was sollte die Politik dringend verwirklichen, damit ElementarpädagogInnen ihrer großen beruflichen Verantwortung gerecht werden können?

Es braucht kompetente, innovative PolitikerInnen, die um den Wert der elementaren Bildung wissen und die in den Dialog mit der Praxis treten. Zusammen müssen wir uns anschauen, warum unsere Leute nicht in den Beruf gehen. Die Daten dazu sind schnell zusammengetragen. Fragt man die KollegInnen, wird zuerst die unpassende Kinder-/PädagogInnen-Relation und dann das niedrige Gehalt genannt.

Die Kinderanzahl ist eigentlich das größte Thema. Wissenschaftliche Empfehlungen besagen, dass in der Krippe eine Fachkraft für zwei bis drei Kinder, und im Kindergarten eine Fachkraft für sieben bis acht Kinder verantwortlich sein sollte. Dann halte ich persönlich den Einsatz von stabilen, multiprofessionellen Teams für immens wichtig. Fachkräfte unterschiedlicher Disziplinen und mit unterschiedlichen Hintergründen müssten im Kindergarten zusammenarbeiten, um Kinder und Eltern optimal begleiten und unterstützen zu können. Immer noch wird erwartet, dass ElementarpädagogInnen „Wunderwuzzis” sind.

 

Bildnachweis: Raphaela Keller

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Susanne Sonnleitner, BA

Jahrgang 1982. Studium der Kulturwissenschaften an der Uni Linz. Seit 2017 Marketingverantwortliche im Verlag UNSERE KINDER und freie Journalistin.

Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!

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