Witali lacht wieder

Susanne Sonnleitner

10/10/2019


In Weißrussland leben Menschen mit Beeinträchtigungen am Rande der Gesellschaft. Doch es tut sich etwas. Seit 25 Jahren hilft die Caritas, die Lebensbedingungen für diese Menschen zu verbessern. Mit dem Kinderdorf Gomel schuf sie einen Ort, der Kindern mit Beeinträchtigungen so vieles zurückgibt: Würde, Zuwendung, ein Zuhause.

 

UNSERE KINDER 1/2020

Witali ist elf und seit seiner Geburt beeinträchtigt. Da sich seine Familie nicht um ihn kümmern konnte, kam er früh in ein staatliches Kinderheim. Weitab von der Stadt, isoliert von der Gesellschaft. Lange Zeit war Witali mobil sehr eingeschränkt und konnte nur liegen. Im Kinderheim kam er so nie an die frische Luft.

Ein normales Leben

Heute ist Witali eines von 60 Kindern und Jugendlichen, die im Kinderdorf Gomel im Südosten Weißrusslands leben. Sein neues Zuhause ist eine Wohngruppe. Witali und die anderen Kinder haben hier eine Tagesstruktur, erhalten Therapien, medizinische Versorgung und individuelle Förderung. Die Caritas Oberösterreich hat gemeinsam mit Sponsoren und der Schwesterorganisation in Gomel das Kinderdorf errichtet. Es wurde 2011 eröffnet.

„Uns ging es um Integration“, sagt Mag.a Sigried Spindlbeck, Projektkoordinatorin der Caritas OÖ, rückblickend. „Wir wollten ein Haus errichten, in dem Kinder und junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen ein möglichst normales Leben führen können, in familienähnlichen Wohngruppen leben und eine normale Schule besuchen können.“

Tatsächlich ist das Kinderdorf heute die einzige Einrichtung im Land, in der Kinder in eine externe Schule gehen – sofern es der Grad ihrer Beeinträchtigung zulässt. Die anderen finden unterdessen Beschäftigung in der Einrichtung. Sie basteln, lernen in Fördergruppen, helfen im Garten und im Haushalt.

Die Kinder sollen ein möglichst selbstbestimmtes, würdevolles Leben führen, was den meisten, die aus anderen Kinderheimen hierher kamen, dort verwehrt geblieben war. „Die ersten Kinder, die hier eingezogen sind, haben eineinhalb Stunden lang ihre Zähne geputzt“, erinnert sich Sigried Spindlbeck. Weil sie sich so freuten, zum ersten Mal in ihrem Leben eine eigene Zahnbürste zu verwenden.

Wer kommt, darf bleiben

Im Kinderdorf leben Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten mehrfachen Beeinträchtigungen, AutistInnen ebenso wie körperlich und geistig schwer beeinträchtigte Menschen. Der jüngste Bewohner ist gerade einmal vier Jahre alt, die älteren bereits junge Erwachsene. Wer einmal hierher kommt, darf für immer bleiben. Viele von den BewohnerInnen haben im Kinderdorf erstmals Zugang zu Therapien. Sogenannte „Defektologinnen“ arbeiten mit den Kindern, aber auch Krankenschwestern und PsychologInnen sind vor Ort. Unermüdlichen Einsatz leisten auch drei Schwestern aus dem Benediktinerorden. Sie alle haben eine sonderpädagogische Ausbildung.

Dass die Arbeit aller Früchte trägt, erleben die MitarbeiterInnen in Gomel tagtäglich. Die Kinder entwickeln sich langsam, aber stetig weiter. Manche blühen regelrecht auf, fassen neuen Lebensmut. So wie die 14-jährige Diana, die mit ihrem Leben scheinbar abgeschlossen hatte. „Das Mädchen kam blind und schwer behindert auf die Welt“, erzählt Schwester Kamilla, „als sie zu uns kam, bestand sie nur mehr aus Haut und Knochen.“ Heute ist Diana physisch und emotional in einem viel besseren Zustand, sie lernt laufen, lacht wieder, beginnt, sich zu öffnen.

Liegende Kinder

Bis in die 2000er Jahre herrschten in den staatlichen Behindertenheimen in Weißrussland schlimme Zustände. Es mangelte an Essen und an medizinischer Versorgung. Auf eine Einrichtung kamen meist mehrere hundert Kinder und Jugendliche. „Liegende Kinder“ fristeten ein Dasein in ihren Betten. Sie wurden von Nanjas, den Betreuerinnen, lediglich beaufsichtigt. Das ist vielerorts noch heute so, doch die Caritas hilft auch hier. Sie stellt Heilbehelfe zur Verfügung und vermittelt durch Ausbildungsangebote moderne Methoden.

Dass ein Mensch mit Beeinträchtigung ein gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft ist und nicht versteckt werden muss, von diesem Credo ist Weißrussland noch weit entfernt. Nur langsam findet ein Umdenken statt – in einem Land, das die Tschernobyl- Katastrophe 1986 besonders hart traf. 70% des radioaktiven Niederschlags gingen damals im Norden und Osten Weißrusslands nieder, auch über Gomel. Menschen erkrankten daraufhin an Krebs, Babies mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen kamen auf die Welt. Bringt eine Frau heute ein Kind mit Beeinträchtigung zur Welt, raten die Ärzte schon bei der Geburt, es in ein Heim zu geben, da es für sie nur wenig Unterstützung gibt.

Vorbild für die Region

Das Kinderdorf der Caritas hat sich mittlerweile zu einem Role Model weit über die Region hinaus entwickelt. In einem nationalen Ranking ist die Einrichtung auf Platz 1 der besten Wohneinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen gelistet. Dennoch ist das Ziel noch nicht erreicht. Im April 2021 soll im Kinderdorf ein integratives Bildungs- und Therapiezentrum in Betrieb genommen werden. „Dann gibt es endlich eine eigene Schule für jene Kinder, die keine öffentliche Einrichtung besuchen können und zuhause unterrichtet werden“, freut sich Sigried Spindlbeck.

Doch das neue Haus bietet mehr. Betroffene Eltern werden hier Hilfe finden und für das Personal soll ein Ausbildungszentrum entstehen. In das neue Tageszentrum sollen Kinder und Erwachsene von außerhalb kommen. Doch eine der größten Herausforderungen wird die Organisation des Transports dieser Menschen sein, wie Ingrid de Verrette betont. De Verrette ist Leiterin der Schule für Sozialbetreuungsberufe in Linz und hat das inhaltliche Konzept für das neue Zentrum mitentwickelt. „In den Wohnhäusern in der Stadt gibt es weder Lifte noch sind Bustransporte für Menschen mit Beeinträchtigungen üblich“, so die Expertin. Barrierefreiheit ist in Weißrussland noch in weiter Ferne.

Erster Schultag

Zu Beginn des Schuljahres hat Sigried Spindlbeck das Kinderdorf erneut besucht. Sie ist jedes Mal ergriffen von den Entwicklungsschritten „ihrer“ Schützlinge. „Heuer durfte ich den ersten Schultag im Kinderdorf miterleben“, erzählt die Projektkoordinatorin. „Die Kinder, herausgeputzt in ihren neuen Schuluniformen, haben so selbstbewusst aus dem Schulbus gewinkt und mich wieder einmal davon überzeugt, dass sich all die Bemühungen hier mehr als lohnen.“ In dem Bus saßen fünf fröhliche Mädchen und Buben. Witali war einer von ihnen.

Bildnachweis: Caritas/Br. Korneliusz Konsek SVD

Bitte um Ihre Unterstützung!

Mit dem Kauf des UNSERE KINDER-Plakats "Zungenbrecher" können Sie dieses Sozialprojekt der Caritas unterstützen. Ein Euro aus dem Verkaufserlös geht als Spende an das neue Therapiezentrum.

Natürlich können Sie auch direkt für das Kinderdorf spenden:

Spendenkonto der Caritas für Menschen in Not, Raiffeisenlandesbank OÖ
Verwendungszweck: Kinderdorf Gomel
IBAN: AT20 3400 0000 0124 5000

VIELEN DANK!

Susanne Sonnleitner, BA

Jahrgang 1982. Studium der Kulturwissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz. Seit 2017 Marketingverantwortliche im Verlag UNSERE KINDER und freie Journalistin.

 

 

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