Darf ich das haben?

Anna Ruschka

14.04.2016

4/2016

So lernen Kinder im Kindergartenalltag, mit Besitz umzugehen

Als Erwachsene wissen wir, dass es Dinge gibt, die wir gerne hätten, uns aber nicht gehören. Damit umzugehen, will gelernt sein, denn das Kleinkind nimmt alles, was es interessiert, in seine Hände. Es verlangt danach, zu berühren und festzuhalten, was es umgibt. Und es denkt nicht darüber nach, ob es ihm oder jemand anderem gehört. Indem es Gegenstände auf ihre Festigkeit überprüft, ihnen beim Schlagen Töne entlockt oder ihr Gewicht beim Wegwerfen fühlt, verschafft es sich einen Überblick über physikalische Gesetzmäßigkeiten. Ganz egal, ob es sich um ein nagelneues Smartphone, die Fernbedienung des Fernsehgeräts oder die Brille des Vaters handelt. In Krippe und Kindergarten bieten sich viele Möglichkeiten, um zwischen "Mein und Dein" unterscheiden zu lernen. 

Anna Ruschka in UNSERE KINDER 4/2016

Kinder sollen in ihrem Alltag Erfahrungen mit "Mein und Dein" machen dürfen und nicht unbedacht mit der "moralischen Keule" verängstigt werden oder strikte Regeln ohne Erklärung vorfinden. Nur dann können sie zu Erwachsenen-persönlichkeiten heranreifen, die mit Besitz verantwortungsvoll umgehen. Lernprozesse werden durch pädagogische Unterstützung ermöglicht - auch was die Aneignung und den Gebrauch von Dingen betrifft. So gehört es auch zur völlig normalen Entwicklung des Kindes, begehrte Dinge aus dem Kindergarten oder der Krippe heimlich mitzunehmen. Wichtig sind bei diesem Beispiel, wie in den meisten Bereichen des Zusammenlebens, die Haltung und das Vorbild der Erwachsenen, die Übereinstimmung im Team, das offene Gespräch mit den Kindern und der Informationsfluss zu den Eltern im Sinne einer konstruktiven Erziehungspartnerschaft.

Alltägliche Lernsituationen - Glitzerschal & Co: Hier ein Beispiel aus unserem Kindergarten: Eine Zeit lang war bei uns ein Korb mit vielen gestrickten und gehäkelten kleinen Schals als Spielmaterial sehr beliebt und eine Gruppe von Kindern spielte fast tagtäglich damit. Stofftiere, die von zu Hause mitgebracht wurden, bekamen die Schals umgebunden oder sie wurden als Teppiche im Puppenhaus bzw. als Dekoration auf Schränke gelegt. Unter diesen Schals gab es auch einige aus glitzernder Wolle. Eines Morgens berichtete mir eine Mutter, dass ihre Tochter Sabine etwas zurückgeben möchte. Sichtlich verlegen versteckte sich das Kind hinter seiner Mama. Als es ausgesprochen war, konnten die Gefühle des Kindes reflektiert werden: Sowohl die Sehnsucht, Glitzerschals für die eigenen Stofftiere zu besitzen, kam zur Sprache, als auch das ungute, bedrückende Gefühl, das aufgetaucht war, nachdem diese heimlich in der Tasche gelandet waren. Die Mutter erzählte, dass Sabine sie am Vortag am Heimweg gefragt hatte, wie lange man ins Gefängnis müsse, wenn man etwas aus dem Kindergarten mit nach Hause nimmt? Der Mutter wurde im Gespräch mit ihrer Tochter bewusst, dass sie ihre Handlung bereits als nicht richtig erkannt hatte. Sabine bekam für das Zurückbringen viel Lob und Anerkennung und gemeinsam überlegten wir, wie sie Glitzerschals sogar selbst herstellen könnte. Eine andere, im Kindergarten häufig vorkommende Situation besteht darin, dass ein Kind sich Spielmaterial holt (z. B. Legosteine), ein anderes dazukommt und Sachen wegnimmt. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wie man Kinder in ihren Konflikten unterstützen kann. Zu sagen: "Na, sei nicht so, teile halt, lass ihn doch mitspielen. Schau, er ist ja noch so klein", ist für die Werterziehung kontraproduktiv. Viel eher helfen klare Regeln, Verantwortung zu übernehmen - etwa so: Jenes Kind, das sich Material holt, entscheidet auch, wer mitspielen und wer sich Material nehmen darf. Nebenbei werden hier auch Durchsetzungskraft, die Fähigkeit des Nein-Sagens und der Umgang mit Argumenten eingeübt. Es ist allerdings bedeutsam, Kinder in solchen Situationen verständnisvoll zu begleiten und "Nein-SagerInnen" nicht emotional unter Druck zu setzen.

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Vom Geben und Nehmen

Um freiwillig geben zu können, müssen Kinder auch besitzen dürfen. Diese Entwicklungsphase erleben wir beim eineinhalb bis drei Jahre alten Kind. Eine zu enge Geschwisterreihe ebenso wie die weltanschauliche Überzeugung des Elternhauses, die Kindern vermittelt: "Allen gehört alles", kann diese Entwicklungsphase verzögern. Solche Kinder fallen meistens dadurch auf, dass sie raffen und alles an sich nehmen, was es an Material gibt. Sie zum Teilen aufzufordern, hilft selten, im Gegenteil verstärken solche Appelle oft sogar ihr Verhalten. Auch dazu ein Beispiel aus unserem Kindergarten: In einem Behälter bewahrten wir zwei Kilogramm selbstgemachte Knetmasse auf. Bei der Einführung am Beginn unserer Arbeit damit wurde darauf hingewiesen, nur so viel herauszunehmen wie momentan benötigt wird. Ein Bub, nennen wir ihn Peter, nahm sich immer wieder den ganzen Klumpen heraus. Peter hatte kein leichtes Schicksal, aber liebevolle Adoptiveltern gefunden. Er konnte noch nicht gut sprechen und wiederholte immer wieder die Worte: "Brauch i." Die anderen Kinder beklagten sich, weil er trotz ihrer Bitten nicht teilen wollte, und sie waren sehr überrascht, als sie von der Pädagogin zur Antwort bekamen: "Peter braucht so viel.

"Bald räumten sie ihre Unterlagen weg und Peter saß alleine da. Er drückte immer wieder die Knetmasse an sich und erlebte das Besitzen-Dürfen ebenso wie die Einsamkeit. Einmal nahmen sich einige Kinder etwas Knetmasse heraus - und er sofort den ganzen Rest. Er beobachtete, wie die anderen "Kekse backen" spielten und mit kleinen Nudelhölzern den "Teig" auswalkten. Auch Peter versuchte es. Doch schnell erkannte er, dass sein Klumpen zu groß und zum Teigausrollen ungeeignet war. Mit einem "Brauch i net" wanderte der Großteil seiner Knetmasse zurück in den Behälter und dem Spielvergnügen stand nichts mehr im Weg. Peters Bedürfnis, alles an sich zu raffen, ließ sich nicht von heute auf morgen überwinden und immer wieder gab es Konflikte. So nahm er im Familienspielbereich alle Kastanien an sich und erlebte auch hier die Einsamkeit, als niemand mit ihm spielen wollte. Es waren viele sehr kleine Schritte, die ihm durch das konkrete Erleben der Konsequenzen seines Verhaltens letztendlich dabei halfen, anderen an "seinem" Besitz Anteil zu geben. Für uns PädagogInnen war und ist es schön zu erleben, wie Kinder sich durch Gespräche und Erfahrungen weiterentwickeln. Wie aus einem ursprünglichen strikten "Nein" die spätere Bereitschaft wächst, aus freiem Willen ihr Material mit anderen Kindern, die sich danach sehnen, zu teilen oder es an diese abzutreten. Allerdings darf der Reifungsprozess, der über das Besitzen-Dürfen führt, nicht übersprungen werden!

Autorin: Anna Ruschka

Jahrgang 1957. Ausbildung zur (Sonder-) Kindergartenpädagogin in St. Pölten und Wien. Seit 1978 im Übungskindergarten der BAKIP St. Pölten tätig, mehrmals auch Betreuerin des SOKI-Lehrgangs dieser Schule. Engagiert in der Heilpädagogischen Gesellschaft und für die "Schörl-Pädagogik"

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