Editorial 1/2019

Das Gemeinsame vor das Trennende stellen

So wie wir heute dastehen, können wir stolz sein auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Aber wie wird unser Land in 100 Jahren aussehen? Ich bin Optimist. Ich glaube an unser Land. Ich glaube an unsere Zukunft. Ich glaube daran, dass wir das Problem der Armut gelöst haben werden. Ich glaube daran, dass alle Kinder, egal aus welchem Elternhaus sie kommen, die gleichen Chancen haben werden. Ich glaube daran, dass das Klimaproblem gelöst sein wird, und wir unsere Erde lebenswert bewahren werden. Und daran, dass es unserer Wirtschaft gut geht, ohne dass das auf Kosten unserer Umwelt geht.

Ich glaube daran, dass wir die vollständige Gleichstellung von Frau und Mann erreicht haben werden. Wir können all das und mehr hinbekommen, wenn wir es wirklich wollen. Ich lade Sie ein, diesen Optimismus mit mir zu teilen. Denn um die Zukunft erfolgreich zu gestalten, brauchen wir Zuversicht. Aber von selber wird das nichts. Wir müssen schon alle gemeinsam daran arbeiten, denn Gefahren gibt es genug: Die Polarisierung und die Unversöhnlichkeit, die sich breitmachen, oder die Verächtlichmachung der Andersdenkenden, des Mitgefühls und der Mitmenschlichkeit.

Lassen wir uns nicht einreden, Mitgefühl zu zeigen, sei weltfremd. Lassen wir uns nicht einreden, ausschließlich an sich selber zu denken, sei das einzig Kluge, Realistische und die eigentlich wünschenswerte Norm. Es gibt rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Nicht das Recht des Stärkeren hat zu gelten, sondern die Pflicht des Stärkeren – die Pflicht, denen zu helfen, denen es nicht so gut geht. Den Respekt und die Achtung, die wir von anderen Menschen erwarten, müssen wir auch anderen gegenüber aufbringen. Ich bin guten Mutes, dass wir das schaffen. Denn wir haben etwas ganz Besonderes, das uns in Zeiten der Polarisierung immer geholfen hat: Das Österreichische.

Was macht das Österreichische aus? Anders als der radikale Standpunkt, der alles verachtet, was von der „reinen Lehre“ abweicht, nimmt das Österreichische die Realität zur Kenntnis. Es nimmt zur Kenntnis, dass die Welt nicht aus Schwarz und Weiß, aus unversöhnlichen Positionen besteht, sondern dass eine Lösung zum Wohle aller immer in der Mitte liegt. Immer, wenn wir das vergessen haben, sind wir blutig gescheitert. Denn nur im immerwährenden Streben nach dem Gemeinsamen liegt das größtmögliche Wohl aller. Schaffen wir die nötigen Freiräume für eigenständiges, kritisches Denken, fördern wir mündige, selbstständige und mitfühlende BürgerInnen. Österreichisch zu sein bedeutet, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Die Lösung zu suchen und nicht den Streit. Verstand und Herz zu haben. Selbstbewusst und einfühlsam zu sein. Die Realität klar zu sehen und dabei optimistisch zu sein. Zu niemandem aufzublicken und auf niemanden herabzublicken. Den Zweifel zwar zuzulassen, aber niemals siegen zu lassen. Die Zukunft nicht geschehen zu lassen, sondern positiv und zuversichtlich zu gestalten.

Dass wir das gemeinsam schaffen können, daran glaube ich fest.

Unser Artikel

für Sie aus dieser Ausgabe

Unbewusst werden Grenzen überschritten

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, so steht es im Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention. Ermöglichen wir unseren Kindern dieses Recht? Gibt es Gewalt in den Beziehungen zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern in den österreichischen...

Claudia Schütz Weiterlesen

Dr. Alexander Van der Bellen

Bundespräsident

Inhaltsverzeichnis

der aktuellen Ausgabe 1/2019

Unser Thema

Zwischen Konkurrenz und aktiver Kooperation - Politische Räume und demokratische Spielregeln
Kathrin Stainer-Hämmerle  4


Demokratie im Kindergarten entwickeln - Ein BAfEP-Geburtstagsfest der besonderen Art
Redaktion  9


Empowerment durch Philosophieren - Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit bei Kindern stärken
Sandra Kaeßmayer  10


Autoritätsmissbrauch und Machtspiele - Unbewusst Grenzen überschreiten
Claudia Schütz  12


Unsere Praxis

Beteiligung von Anfang an - Wie frühe politische Bildung die Demokratie der Zukunft sichern kann
Katrin Uray-Preininger14


Partizipation ... beginnt schon in den ersten Bildungsjahren
Eva Pölzl-Stefanec, Catherine Walter-Laager 18


Kinder im Morgenkreis - Nur dabei oder schon aktiv?
Brigitte Webhofer20


Unsere Lebenswelt

"Klimawandel" im pädagogischen Team - Beteiligungsklima statt hierarchischer Leitungsstruktur
Eva Berger 24


Medientipps ... und Hinweise zum Heftthema
Redaktion 26


Praxis Spotlight

Draußen sein Der NatURSPIELplatz, Betriebskindergarten Pagitsch
Susanne Sonnleitner 27


Menschen im Porträt

Heidrun Benneckenstein - Erzieherin, aufgewachsen in einer Neonazi-Familie
Judith Moser-Hofstadler 28


Service

Bücher ... für Sie ausgewählt32


Plattform 36