Wie viel Risiko darf sein?

Iris Radler-Gollner

14.05.2016

5/2016

Unfallvermeidung zwischen Sicherheit und Gefahr

Um Verletzungen, womöglich bleibende Schäden oder gar tödliche Gefahren zu vermeiden, gilt - natürlich auch in frühpädagogischen Einrichtungen - der Grundsatz: "Risiko verboten!" Ist es jedoch zielführend, Kinder von jeglichem Risiko fernzuhalten? Gibt es überhaupt eine Entwicklung ohne Risiko? Was meinen wir in der Pädagogik eigentlich mit "Risiko"? Wie unterscheidet sich der pädagogische Risikobegriff von dem in der Arbeitswelt?

Iris Radler-Gollner in UNSERE KINDER 5/2016

Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) schreibt vor, dass am Arbeitsplatz jedes Risiko so weit als möglich ausgeschlossen wird und MitarbeiterInnen über Restrisiken informiert werden (z. B. Brandschutzmaßnahmen). Die zentrale Formel dabei lautet: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadensschwere. Wie lässt sich dieser Risikobegriff auf Kindergärten, Krippen und Horte übertragen? Grundsätzlich sind die Rechtsträger von Kinderbetreuungseinrichtungen wie alle anderen Unternehmen verpflichtet, die beschäftigten PädagogInnen, AssistentInnen, Reinigungskräfte etc. zu schützen und die Risiken des Arbeitsalltags möglichst auszuschalten. So müssen etwa schadhafte Stiegengeländer oder nicht trittsichere Leitern dem Gesetz entsprechend umgehend erneuert werden. Für Personen, die mit Chemikalien (z. B. Desinfektionsmittel) zutun haben, müssen Schutzausrüstungen (Handschuhe, Hautschutz, Schutzbrille etc.) zur Verfügung stehen.

Mehr Risikokompetenz

Der kompetente Umgang mit Risiken ist keinesfalls nur eine Frage des ArbeitnehmerInnenschutzes. Denn neben dem Blick auf die Erwachsenen braucht es vor allem jenen auf die Kinder, für die andere, teilweise zusätzliche, Maßnahmen getroffen werden müssen (z. B. ein in Kinderhöhe angebrachter Handlauf, Kinderschutz-Steckdosen oder weggesperrte Reinigungsmittel). Was bleibt, ist die Frage nach der Risikokompetenz, die als pädagogisches Entwicklungsziel im Raum steht und eine anregungsreiche sowie herausfordernde Lebenswelt voraussetzt.

Risikokompetenz ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Gefahren zu erkennen, zu bewältigen und zu beseitigen, um dadurch mehr Sicherheit zu gewinnen. Sie spielt sich zwischen Scheitern und Gelingen ab und meint auch, sich rechtzeitig zu entziehen, nicht teilzunehmen oder anderen helfend zur Seite zu springen. (Vgl. Hundeloh 2002,S. 189 und Vetter 2006, S. 4f).

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Beispiel - Rutschfeste Böden: Die häufigsten Unfälle in der Erwerbswelt sind Stürzen und Fallen (oft ausgelöst durch Rutschen oder Stolpern), weshalb Fußböden nach dem Gesetz stets rutschfest, eben und trittsicher sein müssen. Niemand würde infrage stellen, dass bei winterlicher Glätte vor dem Kindergarteneingang gestreut wird, um Kinder, Eltern und Angestellte zu schützen. Teppichböden im Eingangsbereich ("Schmutzschleusen"), die Feuchtigkeit und Schmutz auffangen, verringern ebenso das Risiko, auszurutschen.  Andererseits kennen wir den pädagogischen Grundsatz, dass Kinder durch Erfahrung lernen. Sie lieben das Spiel im Freien, auch wenn oder gerade weil es nass oder feucht ist, und machen dabei genau jene Erfahrungen, die wir zu vermeiden versuchen. Durch das (Aus-)Rutschen auf unterschiedlichen Untergründen erfährt ein Kind, wie es sich bei welchen Verhältnissen verhalten muss. Ein Kind, das nie auf nassem Boden gelaufen ist oder auf feuchten Baumstämmen balanciert hat, kann nicht wissen, wie es seinen Muskeltonus bzw. seine Aufmerksamkeit verändern muss, um balancefähig zu sein.

Auch Ausrutschen und Hinfallen gehören dazu! Leicht gesagt, denn schnell könnten pädagogische Ziele und Schutzgesetze in Widerspruch geraten ... Die Lösung liegt im Lern- und Entwicklungspotenzial der Kinder: Indem sie unentwegt Risiken eingehen und alles für die Zukunft abspeichern, bleibt am Ende jeder erfolgreich bewältigten riskanten Situation die Erfahrung, wie sie in ähnlichen Fällen die Balance bewahren und eine Verletzung verhindern können.

Wie viel Erfahrung lassen wir zu? Als Konstrukteur seiner Entwicklung braucht jedes Kind eine veränderbare, gestaltbare Lebenswelt, in der es durch Tun lernt und begreift. Der Kindergarten hat viele Möglichkeiten, dem gerecht zu werden - von der Bastelwerkstatt bis zur Schachtelbaustelle. Mädchen und Buben lieben es, der Welt der Erwachsenen nachzuspüren, sie nachzuahmen und sie sich anzueignen. Insofern ist der alte Dachboden bei der Oma meist viel spannender als das neue Kinderzimmer, in dem alles unverrückbar, vorhersehbar und somit wenig herausfordernd ist.Holzbretter in verschiedenen Größen und Formen regen unweigerlich zum Tun an, zum Legen von Wegen etwa, zum Abgrenzen oder zum Häuser-Hütten-Höhlenbauen. Neben dem Forschergeist wird dabei insbesondere statisches und physikalisches Verständnis angeregt und der zwei- bzw.dreidimensionale Raum erfahrbar: Wie viele Bretter brauche ich, um von A nach B zu gelangen? Wie muss ich Bretter stapeln und stellen, damit sie nicht umfallen? Mit Physik, Mathematik und Statik in Verbindung stehendes Gespür (für Größenverhältnisse, Schwerpunkte, schiefe Ebenen etc.) wird spielerisch grundgelegt. Der Lerneffekt ist umso größer, je weniger alles wie ein Puzzleteil zum anderen passt, sondern jemehr Improvisieren, Ausprobieren, Herantasten und damit auch ein Stück weit "Risiko" möglich und gefordert sind.

Natürlich kann man sich beim Hantieren mit Holzbrettern einen Schiefer einziehen. Wie ist diese Gefahr zu bewerten? Gilt hier "Risiko verboten!"? Oder ist es vielmehr genau das, was Kinder erfahren können und müssen, um für später zu lernen? Aus Sicht der Unfallprävention lautet die Antwort auf diese Fragen: Keinem Kind dürfen Erfahrungen aus falsch verstandenem Sicherheitsstreben vorenthalten werden. Gleichzeitig ist eine Sicherheitsprüfung in solchen und ähnlichen Spiel- und Lernsituationen unumgänglich. Bretter dürfen keinesfalls ohne Sichtkontrolle verwendet werden. Ein Nagel, der spitz und womöglich rostig hervorsteht, wäre ein nicht zulässiges Verletzungsrisiko, ebenso wie zu scharfe Ecken und Kanten oder ein zu schweres bzw. zu großes Holzstück, das umfallen und ein Kind verletzen könnte. Als Orientierung für abgerundete Ecken und Kanten kann die ÖNORM A 1640 gelten,die für Kindermöbel einen Radius von mindestens zwei Millimetern vorschreibt.

Das heißt: Der Einsatz nicht-normierter, unstrukturierter Materialien bietet einerseits wichtige Lernerfahrungen, andererseits stellt sich die Frage nach dem Verletzungsrisiko für Kinder. Wie gefährlich ist eine Situation? In welchem Verhältnis stehen Verletzungsrisiko und Lernchance? Zur Antwort sind die eingangs erwähnten Größen aus der ArbeitnehmerInnenschutz-Formel hilfreich: Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensschwere.

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Bewahrung oder Bewährung?

Wer versucht, Kinder unentwegt vor Risiken zu bewahren, vermindert Lernchancen und trägt zu unsicherem, inkompetentem Verhalten bei. Es gehört zum "Kleinen Einmaleins der Erziehung", dass es wenig Sinn macht, Kinder auf einen erhöhten Standort (Klettergerüst, Baum etc.) hinaufzuheben. Mit Hilfe der Kraft des/der Erwachsenen oben angekommen, wird das Kind eben diese benötigen, um den Weg nach unten zu schaffen. Betrachten wir dieses Nach-oben-Kommen durch Hinaufheben genauer: Welche Lernchancen und welche Risiken bieten sich? Zwar lernt das Kind - ganz ohne Risiko -einen neuen Standpunkt und einen neuen Blick auf die Lebenswelt kennen, aber es erfährt, dass es die Hilfe eines anderen braucht, um neue Perspektiven zu gewinnen. Ein positiver Effekt ergibt sich weder für den Selbstwert noch für die körperliche Geschicklichkeit. Viel eher werden Gefühle der Abhängigkeit und Ohnmacht entstehen, wenn die Hilfe durch Erwachsene einmal nicht vorhanden ist.

Situationen, in denen Erwachsene durch ihr Eingreifen das Risiko ausschalten, können zu Unsicherheit führen. Und auch Scham, Zweifel sowie Schuldgefühle sind die Folge mangelhaft erfüllter Autonomiebestrebungen, beschreibt der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik Erikson (1902-1994) in seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung. Kinder brauchen bei ihrem Streben nach Autonomie, Initiative und Unabhängigkeit die Unterstützung der Erwachsenen. Das Klettern auf eine erhöhte Ebene, auf ein Klettergerüst oder einen Baum aber muss nicht angelernt oder eintrainiert werden! Im Gegenteil: Kinder sind intrinsisch - also von sich aus - motiviert, diesem Reiz bzw. dieser Herausforderung zu begegnen. Es liegt in ihrer Natur, sich zufordern, neugierig die Welt zu erforschen und sich, auch körperlich, auf die Probe zustellen. Wer dabei unterstützt, fördert die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und realistischer Einschätzungen.

Das Risiko akzeptieren - Niemand kann Kindern das Risiko abnehmen, beim Klettern hinunterzufallen. Vielmehr gilt es, im Vorfeld die Schadensschwere einzuschätzen: Was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn das Kind fällt? Die ÖNORM EN 1176 ist hierbei eine wichtige und zentrale Hilfe, weil sie auf Basis erprobter und fachlicher Expertisen hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Fallhöhe und Fallschutz im Spielbereich - von der Wiese bis zum Rindenmulch - Empfehlungen gibt. Das heißt, die Norm geht davon aus, dass ein Fallen möglich ist bzw. sein muss, ohne eine schwerwiegende Verletzung davonzutragen. Das Risiko zufallen, ist also erlaubt. Ein Auszug aus der Einleitung zu ÖNORM EN 1176-1 aus dem Jahr 2008 zum Thema Risiko bzw. Risikoakzeptanz soll zeigen, wie ein standardisiertes, technisches Regelwerk mit diesen Begriffen umgeht und dem entwicklungspsychologischen Begriff der Kindheit Raum gibt:

"Die Risikoakzeptanz ist ein wesentlicher Gesichtspunkt von Spielangeboten und von allen Umgebungen, in denen Kinder erlaubtermaßen ihre Zeit mit Spielen verbringen. Spielangebote zielen darauf ab, den Kindern Gelegenheiten zu bieten, annehmbaren Risiken zu begegnen, die als Teil einer stimulierenden, herausfordernden und kontrolliertes Lernen bietenden Umgebung anzusehen sind. Das Spielangebot sollte darauf abzielen, die Balance zu halten zwischen der Notwendigkeit, Risiko anzubieten und der Notwendigkeit, das Kind vor schwerwiegenden Verletzungen zu schützen. Die Grundsätze des Sicherheitsmanagements sind sowohl für Arbeitsplätze im Allgemeinen als auch für Spielangebote anwendbar. Die Balance zwischen Sicherheit und Nutzen ist jedoch unterschiedlich in den zwei Bereichen. Beim Spielangebot kann es nützlich sein, einem gewissen Grad von Gefahr ausgesetzt zu werden, da es ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis befriedigt und den Kindern die Gelegenheit gibt, in einer kontrollierten Umgebung etwas über Gefahren und ihre Folgen zu lernen. Unter Berücksichtigung der Eigenarten des kindlichen Spiels und der Art, wie Kinder vom Spielen auf dem Spielplatz hinsichtlich ihrer Entwicklung profitieren, müssen Kinder lernen, mit Risiken fertig zu werden, und das kann auch zu Prellungen, Quetschungen und sogar gelegentlich zu gebrochenen Gliedmaßen führen. Das Ziel dieser Norm ist es, in erster Linie Unfälle zu verhindern, die zu Behinderung oder Tod führen, und in zweiter Linie, schwerwiegende Folgen zu mildern, die durch gelegentliches Unglück verursacht werden, was unausweichlich passieren wird, wenn Kinder darauf aus sind, das Niveau ihrer Leistungsfähigkeit zu erweitern, sei es sozial, geistig oder körperlich."

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts thematisierte der weißrussische Psychologe Lew S. Wygotski (1896-1934) die sogenannten "Zonen der proximalen Entwicklung" und zeigte auf, dass ein Kind die nächsthöhere Entwicklungsstufe erst erreichen kann, wenn es an oder über eigene Grenzen geht. Auf diese Weise werden neue Erfahrungen gesammelt, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitert. Mit wachsender Kompetenz, sich selber und riskante Situationen einzuschätzen, verbessern sich automatisch (Gefahren-) Wahrnehmung, (Sicherheits-)Wissen und Präventionsbewusstsein.

Resumée: Der Grundsatz "Risiko verboten!" bezieht sich ganz klar auf Situationen, die für Kinder schwerwiegende Verletzungsgefahr, Behinderung oder Tod bedeuten würden. Das Risiko an einer nicht gesicherten Stelle einige Meter abzustürzen, muss verhindert werden. Das Risiko von der Schaukel zu fallen und sich dabei zu verletzen, bleibt und darf bleiben - vorausgesetzt das Spielgerät entspricht der Norm und hält maximal jenes Risiko bereit, das kalkulierbar ist und zu keinen schweren Verletzungen führen kann.

Für ElementarpädagogInnen lautet die Schlussfolgerung also "Kalkulierbares Risiko erlaubt!", weil das Bestehen von Risikosituationen für die Entwicklung der Kinder wichtig ist. So meint das psychomotorische Förderkonzept "RisKids" etwa, dass es im Kindergarten Risikosituationen nicht nur als notwendige Angebote der Unfallverhütung geben sollte. Vielmehr ist die Risikokompetenz eine Voraussetzung dafür, dass Kinder sich zur Selbstständigkeit entwickeln und ihre persönlichen Ressourcen nutzen lernen. (Vgl. Vetter u. a. 2008, S. 36f)

Kinder brauchen Lebenswelten, an denen sie wachsen können und die herausfordern. Sie brauchen eine Umgebung, die unvollkommen und veränderbar ist, wo sie Risiken eingehen und damit umzugehen lernen. Insofern braucht Entwicklung Risiko in dem Maß, wie es Sicherheit fördert. Nur so entwickeln sich Gefahrensensibilisierung und Präventionsbewusstsein.

Autorin: MMag.a Iris Radler-Gollner

Jahrgang 1975. Ausbildung zur (Sonder-)Kindergartenpädagogin, mehrjährige Berufserfahrung im Integrativen Kinderhaus Ottensheim/OÖ. Studium der Erziehungs- und Gesundheitswissenschaften. Dzt. Fachorgan für Bildungseinrichtungen bei der Landesstelle Linz der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt)

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