Unsere Wurzeln - unsere Flügel

Irmgard M. Burtscher

14.03.2016

3/2016

Was macht "gute Pädagogik" im Kindergarten aus?

Im Kindergarten kommen viele Familien zusammen und jede für sich ist ein schillernder Kosmos mit eigenen Begabungen, Interessen, Hobbys, Berufen, Kulturen ... Viele Fachfrauen und -männer, SpezialistInnen, HandwerkerInnen, BastlerInnen, Köchinnen und Köche etc. sorgen für Wissen, Begeisterung und Können aus erster Hand. Daraus kann für die Lernabenteuer der Kindergruppe geschöpft werden!

Irmgard M. Burtscher in UNSERE KINDER 3/2016

Gute PädagogInnen müssen nicht alles wissen, aber mit den Kindern Wissen aus dem Umfeld anzapfen können. Unser Ziel muss sein, immer noch einfühlsamer jedes Kind in seiner Ernsthaftigkeit und seiner Zuversicht, mit der es seine Entwicklungsaufgaben anpackt, zu unterstützen - und dafür auch einzustehen. Bevor ich Gedanken zum Beitrag sammelte, beschäftigten mich die Fragen: Wie soll ich dieses Thema anpacken? So viel ist darüber doch schon geschrieben worden. Was kann ich an neuer Perspektive, interessanter Reflexion, aktuell durchdachten Überlegungen beisteuern? Woran lässt sich denn gute Pädagogik festmachen? Wann fühle ich mich als gute Pädagogin?

Mein persönlicher Zugang

Seit sechs Jahren bin ich begeisterte Oma von mittlerweile vier wunderbaren Enkelkindern. Das hat meine Sicht auf die Pädagogik neu belebt. Ich verbringe mit meinen Enkeln oft über längere Zeiträume hinweg alleine den Alltag und genieße es, ihnen mit viel Zeit und im intensiven Austausch zu begegnen. Dabei beobachte ich, wie sie sich öffnen, über sich hinauswachsen, sich wohlfühlen, zu sich selbst finden und Kraft tanken. Zwischen den Begegnungen bleibt mir Zeit für Überlegungen und zum Ausruhen (!), bevor ich mich erneut den jungen Menschen neugierig widme. Dazu kommt viel Kontakt zu weiteren Kindern und Eltern, der sich z. B. am Spielplatz ganz von alleine einstellt. Ich bin also wieder einmal ins aktive Kinderleben eingebunden und studiere dabei aus einer neuen Perspektive das "Kindsein an sich". Was mich immer wieder ins Staunen versetzt, ist die Lebendigkeit der Kinder, ihre große Lust am Leben und ihre Einzigartigkeit. Doch bei aller Verschiedenheit der Kinder sind sie sich in ihren Grundbedürfnissen ähnlich. Darüber möchte ich hier schreiben, stellt doch das einfühlsame Eingehen auf die wirklich wichtigen und notwendigen Dinge im Leben eines Kleinkindes das Fundament jeder guten Frühpädagogik dar!

Warum ist eine tragfähige Beziehung die Stütze jeder guten Pädagogik? Was soll die Beziehung eigentlich "tragen"?

Das Kind erkundet alle Lebensbereiche, möchte das eigene Leben, Dasein und Menschsein in einem vertrauten (Familien-) Umfeld ergründen, erproben, ausloten und begreifen. Dazu braucht es persönliche Bezugspersonen als Vor-Bilder, Orientierung und Begleitung. Es will wissen: Ist das, was mich beschäftigt, was ich fühle, was mir nahegeht, was ich entdecke von Relevanz? Was passt zu mir? Wie siehst du, der/dem ich vertraue, diesen Lebensbereich? Wie wirkt mein Verhalten auf Menschen, die ich mag, und wie kann ich meine Impulse und Energie gut einsetzen lernen? Hilf mir, mein inneres Gleichgewicht zu finden! Ein Kind will sich mit Unterstützung vertrauter Personen auf die Welt einlassen. Gute, tragfähige Beziehungen, die sich im Familienumfeld entfalten, haben besondere Qualität, denn sie sind einzigartig und wachsen durch intensive Begegnungen von Anfang an. Mit Eintritt in Krippe oder Kindergarten macht das Kind neue Beziehungserfahrungen, es lernt seine PädagogInnen kennen.Gute PädagogInnen, so heißt es, sollen zu jedem Kind in der Gruppe eine tragfähige Beziehung aufbauen. Ist uns Fachkräften bewusst, was das bedeutet und welche große Leistung bzw. Herausforderung es ist, der wir uns mit diesem grundlegenden Berufsverständnis stellen? Denn persönliche Beziehung kann nicht verordnet oder eingefordert werden, sie kann sich nur auf freiwilliger Basis entwickeln, und dafür braucht es Zeit.

Wie aber ist das zu schaffen? Welche besonderen Fähigkeiten müssen wir vorweisen, um Grundlagen "guter Pädagogik" zu legen? Wie lässt sich diese Begabung beschreiben? Zunächst braucht es Empathie für das Kindsein an sich, also ein tiefes Einfühlungsvermögen in die Gefühls- und Vorstellungswelt der Kinder und in ihre besondere Art der Weltwahrnehmung. Solche Zugewandtheit lässt sich oft schon an einfachen Gesten festmachen, etwa indem wir spontan auf Augenhöhe zum Kind gehen, um ihm ins Gesicht schauen zu können, in seinem Gesichtsausdruck zu lesen versuchen, es in seiner Stimmung wahrzunehmen und ihm damit zu signalisieren: Du kannst mit meiner persönlichen Unterstützung rechnen! Das Kindsein jedes Kindes rührt mich an, weil ich spüre, dass dieser junge Mensch mich als authentisches und glaubwürdiges Gegenüber braucht, um sich entfalten zu können. Meine konzentrierte Zuwendung verhilft ihm zu innerer Stabilität und verleiht ihm Orientierung - immer wieder über den Tag verteilt und in Krisensituationen am besten sofort. Denn bei allen Stärken, Kräften und Kompetenzen, die Kinder erproben möchten, und bei aller Robustheit, die sie an den Tag legen, sind sie doch verletzlich und uns in ihrem Wohlbefinden ausgeliefert.

Vertrauen bedeutet für Kinder alles. Sie sollen spüren, dass es da erwachsene Menschen gibt, die es gut mit ihnen meinen, sie als Menschen wahrnehmen, sie auffangen, wenn sie nicht mehr ein und aus wissen, die sie einfach so mögen, wie sie sind. Diese Gewissheit ist Ausgangspunkt jeder guten Pädagogik und Nährboden für einen konstruktiven pädagogischen Prozess in der täglichen Begegnung. Sie "(er)trägt" auch die Anforderungen, die PädagogInnen an Kinder stellen müssen und die sich aus dem Leben in einer Gemeinschaft ergeben, etwa Kulturleistungen wie aufräumen helfen, zuhören können, Tischsitten einhalten ...

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Die Ernsthaftigkeit des Alltags entfaltet pädagogische Wirkung und ist authentische Bildung

Die dringende Notwendigkeit der alltäglichen Verrichtungen in der Familie wirkt auf Kinder tief. Sie werden von einer großen Lust getrieben, Anteil zu nehmen an der ernsthaften (Erwachsenen-)Welt: wirklich kochen, handwerken, putzen, tischdecken, im Garten arbeiten ... Sie beobachten die ihnen viel bedeutenden Erwachsenen dabei, welchen Verrichtungen sie nachgehen, und sie ziehen für sich den Schluss: Das muss im Leben wichtig sein, das gehört dazu, und sie fordern: Lasst mich mitmachen!

Dabei fällt mir immer wieder auf: Kinder wollen nicht unterhalten, ruhig gestellt, mit "Kinderkram" abgespeist und abgelenkt, bespaßt oder bespielt, sondern ernsthaft herausgefordert und miteinbezogen werden - sie wollen sich anstrengen müssen. Der Alltag und alles, was ihn ausmacht, ist für Kinder pures Abenteuer. Das lässt sich auch an ihren vielen Fragen festmachen und an ihrer begeisterten Anteilnahme am Geschehen. Gute Pädagogik im Kindergarten setzt daran an und bietet täglich authentische Lerngelegenheiten - bis hin zur länger andauernden Projektarbeit, die sich aus alltäglichen Interessen und Fragen der Kinder entwickelt und entfaltet.

Die gute Pädagogik, die hinter diesem Ansatz steht ...

  • ist aufmerksam dafür, was Kinder aktuell beschäftigt,
  • klinkt sich in den bestehenden Gedankenfluss der Kinder ein,
  • setzt an bei ihrer Motivation, eine Sache unbedingt in Erfahrung zu bringen, 
  • traut ihnen zu, ihre eigenen Fragen an die Welt zu stellen und Ideen zu entwickeln, wie sie gemeinsam ihre Fragen beantworten können.

Doch das ist erst die Planungsphase und zeigt die pädagogische Grundhaltung auf. Denn mit Beginn des Lernabenteuers, wenn es dann handfest zur Sache geht, startet auch die gute pädagogische Begleitung der Weltentdecker-Kinder. Für mich ist das eine künstlerische Hochleistung! Denn gute Pädagogik ist die Kunst, junge Menschen lustvoll über sich selbst hinauswachsen zu lassen. KindergartenpädagogInnen werden Teil der "positiven Aufregung" in der Gruppe; sie moderieren Gespräche, notieren Vorschläge, lassen alle Kinder zu Wort kommen, halten sich mit eigenen Ideen zurück und geben doch zum geeigneten Zeitpunkt Impulse, durchstehen mit den Kindern Tiefpunkte, wenn alle nicht mehr weiter wissen, und schöpfen gemeinsam mit ihnen neue Hoffnung, wenn sich doch plötzlich eine Lösung für die selbst gestellte Aufgabe auftut. Es ist wahrlich hohe pädagogische Kunst, jedem Kind ernsthaft zur Erfahrung zu verhelfen, ein wichtiges und konstruktives Mitglied einer anspruchsvollen Lerngemeinschaft zu sein (vgl. Burtscher/Krug u. a. 2015).

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Das Kind erfährt sich im freien Spiel: Die Spielpflege als Krönung pädagogischer Kunst

Das selbstbestimmte Spiel der Kinder fasziniert mich immer wieder neu. Spielen ist für Kinder nicht eine beliebige Freizeitbeschäftigung, erholsame Abwechslung zu "Lernprogrammen" oder willkommener Zeitvertreib. Nein, das Spiel ist für sie ernsthafte und kraftraubende Betätigung. Ein Kind kann nicht anders, als sich dem Spielen hinzugeben, weil dies sein ureigenes "Programm"ist, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Es ist harte Arbeit, einer inneren Regieanweisung ausgeliefert zu sein - auch wenn das Kind selbst das Manuskript laufend entwirft. Im Spiel erfährt das Kind Selbstwirksamkeit, und wir erfahren so viel von ihm ...

  • seine Sicht auf die Welt, sein Temperament und seinen Charakter,
  • seine Fantasie und Talente,
  • seine aktuellen Interessen und welchem Lebensgeheimnis es gerade auf der Spur ist,
  • sein Wissen über eine Sache und seine Gefühle bestimmten Menschen oder Ereignissen gegenüber.

Das freie Spiel ist für das Kind aufregend lustbetont und sollte unter besonderem Schutz stehen. Jede Spielidee muss zu Ende gespielt werden können. Was möchte das Kind "ausspielen"? Was wird dabei auf wundersame Weise in seiner Vorstellungswelt fest verankert?

Weil das Spiel das Ein- und Ausdrucksmittel der Kinder schlechthin ist, wird gute Pädagogik wirklich alles daransetzen, ihnen ein ansprechendes Umfeld bereitzustellen, in dem sie das freie Spiel entfalten können. Spielpflege vom Feinsten meint, Kinder in ihrer Spielidee zu begleiten, zu unterstützen und ihnen sorgfältig ausgewählte Impulse, Spielorte und Spielgaben anzubieten. Die "Sachen zum Spielen" sollen dazu beitragen, dass Kinder alles um sich herum vergessen und vollkommen in ihrer Spielwelt aufgehen können. Spielpflege bedeutet auch, Kindern zu authentischen und gehaltvollen Erlebnissen aus erster Hand zu verhelfen, die es wert sind, nachgespielt und damit Teil der Kinder zu werden.

Dazu braucht es PädagogInnen, die ...

 

  • Spielgemeinschaften und Interaktionen der Kinder untereinander aufmerksam beobachten,
  • ausgleichen und moderieren, wenn einzelne Kinder in eine für sie ungünstige Rolle gebracht werden,·
  • positive Rückmeldung geben, wenn Kinder aufeinander eingehen und zum konstruktiven Spielverlauf beitragen.

Spiel ist Wirklichkeit auf einer anderen Ebene, hier sind Kinder bei sich, hier sind sie Gestaltende ihrer zukünftigen Welt, hier können sie ihre konstruktiven geistigen und körperlichen Kräfte erfahren, spüren, einsetzen und weiter verfeinern bzw. stärken. Jede Frühpädagogik, die ihr Fundament auf die Befriedigung der kindlichen Grundbedürfnisse legt, ist für mich eine exzellente Pädagogik. Hier wird das Kind durch eine persönliche Beziehung in seinem Wohlbefinden getragen, es erkundet in der Lerngemeinschaft und im Eigenrhythmus seine Fragen an die Welt und genießt eine qualitätsvolle Spielpflege. Genau das sind übrigens die altbewährten Wurzeln der Kindergartenpädagogik, und wenn wir sie neu durchdenken, verleihen sie uns Flügel.

Abschließend stelle ich mir die Frage, wann ich mich als gute Pädagogin fühle? Meine Antwort: Immer dann, wenn ich bei einem Kind einen "Nerv getroffen habe", wenn ich spüre, eine Naturbeobachtung oder eine Geschichte geht ihm "unter die Haut" und es kommt etwas in Schwingung. Und immer dann, wenn ich Kinder mit der mir zur Verfügung stehenden pädagogischen Kreativität und mit aller Zeit der Welt unterstützen kann, ihre selbst gestellten Aufgaben zu bewältigen. Vor allem Zeit sollen wir uns nehmen, es läuft uns ja nichts davon. Außer der großen Lust am gelebten Leben ...

Autorin: Dr.in Irmgard Maria Burtscher

Jahrgang 1957. Ausbildung zur (Sonder-)Kindergartenpädagogin in Feldkirch und Klagenfurt. Nach Berufserfahrung Studium in Innsbruck (u. a. Erziehungswissenschaft und Philosophie) und 2 Jahre Aufenthalt in Kalifornien. Beteiligung am Projekt "Weltwissen der Siebenjährigen". Lebt als Praxisforscherin und Autorin in Bayern, seit 2013 Herausgeberin des "Handbuch für ErzieherInnen" (Olzog-Verlag). Info: www.irmgard-burtscher.de

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