Ich habe Hunger!

Kober-Murg & Parz-Kovacic

20.12.2016

6/2016

Essenssituationen kindorientiert gestalten

Essen ist nicht nur ein lebensnotwendiges menschliches Grundbedürfnis, sondern kann gleichzeitig eine höchst sinnliche und lustvolle Erfahrung sein. Mahlzeiten geben dem Tag Struktur, sind Zeiten um sich auszuruhen und neue Speisen kennenzulernen. Sie schaffen den Rahmen, miteinander zu reden und von einander zu lernen. Jede Essenssituation ist ein Lernfeld im Alltag. (Foto: © ruslanshug | Fotolia)

Irmgard Kober-Murg & Birgit Parz-Kovacic in UNSERE KINDER 6/2016

Mahlzeiten sind Fixpunkte in der Planung des Tagesablaufs. Ausgangspunkt für die zeitliche Planung sind der individuelle Essrhythmus von Kleinstkindern sowie der häusliche Essrhythmus und Essgewohnheiten ihrer Familien. So beeinflussen die unterschiedlichen Frühstücksgewohnheiten der einzelnen Kinder den Zeitpunkt, aber auch die Form der Jause. Die Dauer der Mahlzeiten orientiert sich am Entwicklungsstand der Kinder und dem individuellen Esstempo. Auch außerhalb der vorgesehenen Essenszeiten soll die Möglichkeit bestehen, jederzeit zu trinken und Snacks wie Obst, Gemüse oder Knäckebrot einzunehmen. PädagogInnen achten darauf, dass Kinder regelmäßig essen, wenn auch zu individuellen Zeiten.

Um den individuellen Ausgangslagen und Hungergefühlen der Kinder zu entsprechen, empfiehlt sich die Durchführung der sogenannten"gleitenden Jausenzeit". Hunger und Durst können dabei unmittelbar gestillt werden. Kinder entgehen dabei einem hungrigen Warten-Müssen auf die "Essenszeit", welches ihr Explorations- und Spielverhalten behindert. Gerlinde Lill zählt in ihrem "Krippenlexikon" (2010) folgende Varianten auf, um flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse der Kinder zu reagieren: "Eine gleitende Jause von 7.30-10.00 Uhr; ein Jausenbuffet in einem eigenen Raum oder Bereich; ein Essbereich, in dem zu jeder Tageszeit Obst und Wasser oder Tee bereitstehen; eine Getränkebar, an der die Kinder jederzeit ihr Glas befüllen können oder ihr Fläschchen finden".

Geht man davon aus, dass alle Kinder zum gleichen Zeitpunkt hungrig sind, ermöglichen mehrere kleine Tischgruppen, die einzeln stehen, jedem Kind einen guten Überblick. Gleichzeitig kann eine angenehme kommunikative Atmosphäre entstehen. PädagogInnen wirken einerseits als Vorbild beim Einnehmen der Jause, andererseits unterstützen sie jene Kinder, die noch Hilfe beim Essen benötigen.
Sitzgelegenheiten, die mit dem Zeichen, Namen oder Foto des Kindes gekennzeichnet sind, vermitteln Orientierung und Sicherheit. Kinder, die müde sind oder nicht essen wollen, sitzen nicht aus Prinzip bei Tisch, sondern essen zu einem anderen Zeitpunkt. Wer fertig gegessen hat, kann die Jausensituation verlassen und sich wieder einem Spiel zuwenden.

Der Zeitpunkt für die Einnahme der Jause kann sich mit fortschreitender Entwicklung der Kinder im Laufe des Jahres verändern und erfordert ein flexibles Reagieren der PädagogInnen.

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Atmosphäre und Esskultur
Essen in einem angenehmen und vertrauten Umfeld, in dem ein gemütliches und entspanntes Verweilen und Gustieren möglich sind, eröffnet Bildungsgelegenheiten für Kinder. Die Atmosphäre, die Kinder während des Essens erleben, beeinflusst ihre Ernährungsgewohnheiten, ihr ästhetisches Empfinden und ihre Fähigkeit, etwas zu genießen. Mahlzeiten sind somit ein soziales, ästhetisches und kulturelles Ereignis, eingebettet in feste Rituale.
Esskultur erleben bedeutet, den Tisch täglich ansprechend mit einer Tischdecke, Servietten in einem Serviettenständer, (Porzellan-)Geschirr, Glaskrügen und -bechern, Kinderbesteck (Löffel, Gabel und Messer), ästhetisch angerichteter Jause auf dem Teller sowie passender Tischdekoration(Blumenschmuck ...) zu decken.
Kinder entscheiden selbst, mit welchem Besteck sie essen, dürfen aber auch mit den Fingern zugreifen, um die Lebensmittel sinnlich erfahren zu können. In der Regel nutzen Kinder ihre Finger nur eine Zeit lang zum Essen, orientieren sich dann am Vorbild der Älteren und Erwachsenen und ahmen das Essen mit Besteck nach. Währenddes Essens verwenden Kinder Servietten, nach der Mahlzeit können sie sich Mund und Hände waschen und verinnerlichen dabei Hygieneroutinen. Auch Kannen, Schüsseln, Servierlöffel sind so beschaffen, dass sich Kinder möglichst selbstständig bedienen können. PädagogInnen unterstützen das selbstständige Auffüllen und Einschenken, indem kleinere oder weniger gefüllte Schüsseln und Kannen angeboten werden. Kleine Missgeschicke wie Ausschütten oder Verschmieren dürfen im Zuge des Erprobens und Sammelns von Erfahrungen ohne negativen Kommentar der PädagogInnen passieren. (Vgl. Dieken/Lübke 2012, S. 67f)
Zur Esskultur gehört es auch, mit einem gemeinsamen Ritual wie beispielsweise einem Spruch oder Lied die Jause zu beginnen. Tischgespräche sorgen für ein Klima des Wohlfühlens und ermöglichen zu dem alltagsintegrierte Sprachförderung. Hier können aktuelle Tagesgeschehnisse, weitere Vorhaben oder gerade interessante Sachthemen ausgetauscht werden. (Vgl.Tietze/Viernickel 2016, S. 88-92)

Selbstbestimmung und Beteiligung beim Essen

Kinder haben ein natürliches Hunger- und Sättigungsgefühl. Die Selbstregulation dieses Hunger- und Sättigungsgefühls wird dann unterstützt, wenn Kinder während der Mahlzeiten die Möglichkeit haben, zwischen Speisen und Getränken zu wählen, selbst die Menge bestimmen, die sie essen möchten und in ihrem eignen Tempo essen.
Wenn für Kinder die Wahlmöglichkeit bei Speisen besteht (z. B. zwischen verschiedenen Brotbelägen oder Gemüsesorten) können sie die Zusammenstellung ihrer Mahlzeiten bestimmen. Sie bestimmen auf diese Weise auch selbst die Mengen und können ein Maß für ihre Portionsgrößen entwickeln. Niemand muss aufessen oder wird aufgefordert zu probieren. PädagogInnen beraten Kinder bei der Auswahl, ohne deren Wunsch nach Selbstständigkeit zu behindern.

"Die Entscheidung, ob ein Kind Hunger hat, was es vom Angebot auswählt und wie viel das einzelne Kind isst, liegt in der Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Kindes. Das ist wichtig, um ein gesundes Gespür für die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben zu entwickeln - eine wichtige Präventionsmaßnahme zur Vorbeugung von Essstörungen und Ernährungsfehlern."(Cantzler 2008, S. 47)

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Um möglichst hohe Selbstständigkeit zu gewährleisten, erhalten Kinder angemessene Teller und geeignetes Besteck wie z. B. Teller mit einem höheren Rand, um das Essen besser auf den Löffel oder die Gabel zu befördern. Bevor PädagogInnen Kindern Essen zerkleinern, holen sie sich bei ihnen die Erlaubnis dafür ein. Durch dieses Verhalten bringen sie zum Ausdruck, dass sie dem Kind etwas zutrauen, es ernst nehmen, seine Entscheidungen respektieren, und stärken damit die Selbstkompetenz. (Vgl.Dieken/Lübke 2012, S. 72)
Auch Kinder, die noch gefüttert werden, erfahren respektvollen Umgang und werden weder zum Essen überredet noch gezwungen. Eine feinfühlige Begleitung durch PädagogInnen zeigt sich in deren Aufmerksamkeit, Zugewandtheit sowie Gesprächen mit dem Kind während des Fütterns ("Magst du noch mehr? Die Kartoffel schmeckt dir gut!"). Auch die Achtung der Körpersignale ist wesentlich, beispielsweise wenn der Kopf zur Seite gedreht wird als Zeichen für "Ich habe schon genug gegessen". Auf die häufig diskutierte Frage "Kosten - ja oder nein?" könnte eine Antwort lauten:

"Die Diskussion, die um das Probieren beim Essen oft geführt wird, darf nicht um das Pro oder Kontra 'Probieren' von Lebensmitteln gehen, sondern um die Frage des Zieles. Warum sollen Kinder alles kosten müssen? Der pädagogische Nutzen des Kostens ist im Vergleich zum dazu notwendigen Druck auf die Kinder erstaunlich gering". (Mienert/Vorholz 2012, S. 164)

Jausenzubereitung als Erfahrungssfeld

Die Zubereitung von Speisen bietet Kindern viele Erfahrungsmöglichkeiten, die von angenehmen Emotionen geprägt sind und vielfältige Kompetenzbereiche berühren. Die Organisation der Lebensmittel für die Jause der Kinder sowie die Zubereitung dieser kann in unterschiedlicher Weise erfolgen. Eine traditionelle Möglichkeit besteht darin, dass Eltern die "fertige" Jause ihrer Kinder von zuhause in Taschen oder Rucksäcken mitbringen.
Eine andere, durchaus beliebte Variante, ist die Zubereitung von Jausenbuffets in der Einrichtung. Diese Form der Jause eröffnet gleichzeitig ein umfassendes Bildungsangebot für die Kinder, die in den Vorbereitungsprozess miteinbezogen werden.Vom Einkaufen der Lebensmittel über das Zubereiten bis zum ästhetischen Anrichtender Speisen können sich Kinder interessensspezifisch beteiligen und ihre individuellen Kompetenzen erweitern und stärken. Ganzheitliche Bildungsprozesse der Kinder sind sichergestellt, wenn bereits Gerüche zum Mittun einladen und die Ernte aus dem hauseigenen Gartenbeet Einzug in die selbstgemachte Jause hält.
Auch die regelmäßige Planung und Durchführung kulinarischer Ereignisse wie das Kochen und Backen von Gebäck, einer Nachspeise, Mahlzeiten anderer Kulturen oder für eine gemeinsame Mahlzeit mit den Eltern ist Zeichen professionellen Handelns der PädagogInnen. (Tietze/Viernickel2016, S. 90)

Irmgard Kober-Murg (links) & Mag.a Birgit Parz-Kovacic (rechts)

 

 

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