Was Kinderlieder alles können

Anna Fleischner-Janits

04/10/2017

2/2017

Annäherungen aus der Rhythmik

Rhythmik bietet ein großes Potenzial, Kindern Lieder ganzheitlich nahezubringen. Wichtig sind dabei ein ungezwungener Umgang mit dem Liedgut und der Mut, Lieder manchmal der Situation entsprechend zu verändern. Wussten Sie übrigens, dass musikalische Rhythmen stark in Verbindung mit Sprachrhythmen stehen? Mehrere Experimente (z. B. an der Universität Washington) haben bestätigt, dass Rhythmuserfahrungen zum besseren Erkennen von Mustern in der Sprache beitragen können. Dies zeigt, wie stark Musik in der Lage ist, kognitive Fähigkeiten bei Kindern anzuregen.

Anna Fleischner-Janits in UNSERE KINDER 2/2017

Als Rhythmiklehrerin in der Ausbildung von ElementarpädagogInnen bin ich täglich mit vielen jungen Menschen in Kontakt. Im Rhythmikunterricht bewegen wir uns, tanzen, spielen und experimentieren, diskutieren, planen, reflektieren und analysieren wir. Instrumente werden gespielt, die Sinne werden geschärft, das Miteinander neu kennengelernt und die Wahrnehmung des eigenen Körpers darf im Mittelpunkt stehen. Und natürlich wird auch gesungen! Doch was das Singen angeht, scheint sich in den letzten Jahren etwas zu verändern. Die Zahl an Liedern, welche zukünftige PädagogInnen als Kinder selbst gesungen haben und die so in den „musikalischen Wortschatz“ ganz automatisch übernommen wurden, scheint meiner Erfahrung nach zu sinken.

Vom Verschwinden des Kinderliedguts

Als ich einmal den alten Kanon „He ho, spann´ den Wagen an, seht der Wind treibt Regen übers Land“ anstimmte, um ein Klatschspiel anzuleiten, blickte ich in ratlose Gesichter. „Das kennen wir nicht!“, lautete die Reaktion. „Ach so, und welche Kinderlieder kennt ihr aus eurer eigenen Kindheit?“, fragte ich. Stille in der Klasse. Viel mehr als „Alle meine Entlein“ kommt als Antwort selten.
Wie klein das allgemein bekannte Liedgut geworden ist, wird stets auch bei der Eignungsprüfung für unseren Schultyp augenscheinlich. Das gemeinsame Einsingen zum Lockerwerden vor dem musikalischen Eignungstest ist mit „Bruder Jakob“ meist durchführbar. Viele andere Kinderlieder hingegen eignen sich dafür nicht, da Text und/oder Melodie nicht allen bekannt sind. „Den Jugendlichen sind immer weniger Kinderlieder geläufig; vor ein oder zwei Generationen wurde mehr und vor allem ganz selbstverständlich gesungen!“, so die Aussage einer Kollegin, die seit Jahren zukünftige ElementarpädagogInnen ausbildet.

Singen zwischen Angst und Freude

Nicht nur die Quantität des Kinderliedgutschatzes scheint zurückzugehen. Immer wieder erlebe ich in meiner Berufspraxis, dass Singen angstbesetzt ist. Wie oft höre ich in diesem Zusammenhang Sätze wie: „Ich kann nicht singen!“ oder: „Ich habe kein Rhythmusgefühl!“
Meiner Meinung nach steht diese sehr kritische Selbstwahrnehmung von jungen Menschen in Zusammenhang mit der bereits erwähnten fehlenden Praxis.

Bei Personen, die viel singen und auch als Kinder viel gesungen haben, geht das Singen häufig in eine Selbstverständlichkeit über, die angstfreie musikalische Erfahrungen ermöglicht.

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Bedingungslosigkeit der Tätigkeit, zu der sowohl ein positiver Zugang zum eigenen Körper gehört als auch die Möglichkeit, die eigene Stimme frei von Kritik auszuprobieren, mit ihr zu experimentieren und zu spielen. Aus der spielerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme entwickelt sich meist ein ganz natürlicher Zugang zum Singen. Vor allem aber entsteht gleichzeitig eine große Freude daran.

Rhythmik spielt mit der Stimme

Innerhalb der Rhythmik erfüllt die Stimme unterschiedliche Funktionen. Sie unterstützt die Kinder in ihrer Bewegung und regt die Fantasie an. Sie kann genützt werden, um miteinander in Kontakt zu kommen – nicht über Sprache im herkömmlichen Sinn, sondern über Klänge und Geräusche. Mit der Stimme lässt sich spielen und experimentieren, z. B. mit Tonhöhen, Rhythmen, Sprachklängen und Melodien. Nebenbei wird die Atmung angeregt, Nonsenssprache und Fantasiewörter lassen sich erfinden. Dies alles passiert auch unabhängig von vorgegebenen Liedtexten und – was besonders wichtig ist – unabhängig von Bewertung. 

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Sprachförderung ohne Sprache

Die Förderung sprachlicher Kompetenzen ist heute ein großes und wichtiges Thema in Bildungseinrichtungen. Viele Erwartungen und Aufgaben lasten in diesem Bereich auf den ElementarpädagogInnen. Natürlich eignet sich der Einsatz von kindgerechten Liedern sowie von Sprüchen, Fingerspielen etc. dafür hervorragend. Darüberhinaus gibt es weitere Aspekte der Sprachförderung, die oft zu wenig genutzt werden, und zwar die Möglichkeiten aus dem Bereich der Rhythmik.
Auch hier geht es um das Ausprobieren der eigenen Stimme und den experimentellen Umgang mit ihr. Beim Spielen mit Lauten, Nonsenstexten und selbst erzeugten Tönen abseits der herkömmlichen Sprache haben Kinder die Möglichkeit, den eigenen Körper sowie vielfältige Ausdrucksformen kennenzulernen.
Vor allem bei Kindern mit nicht-deutscher Erstsprache ist das Erlernen der neuen Sprache anfangs natürlich mit (emotionalem) Stress verbunden, denn zweifellos ist es schwierig, in einem Umfeld zu leben, in dem man nicht wie gewohnt kommunizieren kann. Gerade für sie stellt es ein großes gesellschaftliches Potenzial dar, sich mit der eigenen Stimme, aber mitunter ohne Sprache, ausdrücken zu können.

Stimmlicher Ausdruck ohne Sprache

Worin genau liegt der Vorteil, sich zwar mit Stimme, aber nicht unbedingt mit Sprache zu äußern? Vor allen Dingen geht es um die Möglichkeit der emotionalen Entspannung und um die Stärkung des Selbstbewusstseins. Im stimmlichen Ausdruck, im Spiel mit Lauten und Klängen, im Experimentieren mit der Stimme gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Hier ist es nicht von Bedeutung, welche Erstsprache man spricht oder welche Wörter man kennt. Alle Kinder sind auf der gleichen Ebene angesprochen und niemand hat einen Vorteil. Gerade für Kinder, die Scheu davor haben, sich sprachlich zu äußern, weil sie sich ihrer Defizite bewusst sind, ist der Einsatz der Stimme abseits von Sprache eine hervorragende Möglichkeit, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Selbst wenn ein Kind die Sprache (noch) nicht beherrscht, kann es sich stimmlich ausdrücken. Dies ist ein wunderbarer erster Schritt und die beste Voraussetzung für den weiteren Erwerb sprachlicher Kompetenzen. 

Praxisübung „Stimm-Improvisation“

Wie viel Potenzial in kleinsten Aufgabenstellungen stecken kann, soll das folgende Beispiel verdeutlichen:
Eine Person hat einen kleinen Ball in der Hand und bewegt ihn. Im Zickzack wandert er nach rechts und nach links, dann ganz langsam und fließend hoch über den Kopf, anschließend schnell bis zum Boden hinunter. Dort wackelt und ruckelt er ein wenig, bis er schließlich mit kreisenden Bewegungen auf Hüfthöhe angekommen ist und schließlich in der Hand der nächsten Person landet. Diese kleine Aufgabe klingt einfach, ist aber keinesfalls leicht! Schließlich stehe ich für kurze Zeit im Mittelpunkt und muss mir spontan etwas einfallen lassen, während die anderen mir zusehen – das kann für manche/n eine große Herausforderung sein. Bekommen nun aber alle anderen die Aufgabe, die Bewegungen des Balls mit ihrer Stimme zu begleiten, dann verändert sich die Situation sofort total. Alle sind beschäftigt und gefragt, ihrerseits öhne Zögern und völlig spontan eigene Lösungen zu finden. Die Aufmerksamkeit ist bei allen groß und Konzentration gefragt.
Welches Geräusch erzeuge ich, wenn der Ball hin und her bewegt wird? Welche Tonhöhe passt zum Raum, in dem er bewegt wird? Bei großen, kräftigen Drehbewegungen werde ich meine Stimme ganz anders einsetzten als bei zartem Ballgeschubse. Es gibt jede Menge Möglichkeiten, spielerisch mit der Stimme zu experimentieren, ohne dabei unter Beobachtung zu stehen. Auch die Person, die den Ball bewegt, erfährt durch die stimmliche Begleitung der anderen eine Stärkung des Selbstbewusstseins. Sie kann den Klang durch die Bewegung bestimmen und die anderen richten sich nach ihr. Ein schönes und stärkendes Gefühl für viele Kinder!
Nicht zu unterschätzen sind auch all die wichtigen Faktoren in Bezug auf die Verfeinerung der gesprochenen Sprache (z. B. Akzente, Tempo, Melodieverläufe, Artikulation und Klangerzeugung, Tonhöhe und Krafteinsatz der Stimme etc.). 

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Kinderlieder in der Rhythmik

Natürlich hat das Singen in der Rhythmik einen wichtigen Stellenwert, doch ist der Umgang mit Liedern viel niederschwelliger als oft vermutet! Gesang wird sehr vielseitig und unterschiedlich eingesetzt, aber es geht um mehr als um das gemeinsame Singen. Kindern ein neues Lied mit Gitarrenbegleitung vorzusingen und dann zu meinen: „Jetzt könnt ihr schon mitsingen!“ – so wird im Rahmen einer Rhythmikeinheit kein Lied erarbeitet.
Vielmehr ist es wichtig, einzelne Aspekte eines Liedes herauszugreifen und diese die Kinder am eigenen Leib erleben zu lassen. Nicht das Merken und Abrufen des Textes sind primär von Bedeutung, ebensowenig das Erfassen der Melodie. In der Rhythmik wollen wir Kindern einen direkten und unmittelbaren Zugang zum Lied ermöglichen. Dazu ist es übrigens nicht unbedingt notwendig, das Lied von vorn bis hinten durchzusingen. Es ist nicht einmal notwendig, dass ein ganzes Lied (oder eine ganze Strophe) in einer Einheit vorkommt. Am Ende der Einheit den Text zu können, ist nicht zwingend das oberste Ziel.

Veränderungen sind erlaubt

Der Umgang mit Liedern in Rhythmikeinheiten ist bisweilen sehr frei und ungebunden. Lieder dürfen und sollen gerne verändert werden, um sie der Gruppe, der Situation, einem bestimmten Thema oder Ziel anzupassen! Lieder dürfen auch auseinandergepflückt oder in kleine Teile zerlegt werden. Textpassagen lassen sich anpassen, kleine Melodien stibitzen oder Liedthemen sich als Impuls für die Einheit verwenden. Der Inhalt eines Liedes wird von verschiedenen Seiten her bearbeitet, indem er mit unterschiedlichen Sinneserfahrungen oder mit passendem Material verknüpft wird. Vielleicht greifen wir einen besonders netten Reim heraus und verwenden ihn verändert zur Begrüßung, vielleicht werden im Lied vorkommende Figuren zu Bewegungsimpulsen …
Auch indirekte Bearbeitung ist denkbar, sodass der Zusammenhang zum Lied auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Beispielsweise lassen sich die Akkorde eines Liedes zur Bewegungsbegleitung verwenden oder die Melodie wird dazu gesummt. Textpassagen können sich in einem Rätsel verstecken oder bestimmte Bewegungen leiten sich aus dem Text ab.

Musikalisches Gespür entwickeln

Andere Möglichkeiten des Liedeinsatzes in der Rhythmik sind die Begleitung mit Instrumenten oder das Erfinden eines Tanzes. Kinderlieder eignen sich auch hervorragend dazu, Kindern Strukturen zu verdeutlichen und ihnen ein Gefühl für Formen zu vermitteln. So könnten sich die Kinder etwa während der Strophen mit einem anderen Kind oder einem Gegenstand im Raum bewegen, um sich beim Refrain wieder in der Mitte zu einem Kreis zu finden, wo ein gemeinsamer Bewegungsablauf ausgeführt wird. Auf diese Weise werden Kinder ihr Gefühl für Zeitabläufe verfeinern und musikalische Formen bzw. Strukturen (z. B. „Rondo“) verinnerlichen.

Abschließend noch einmal ein Blick auf die Angst vor dem Singen. Diese lässt sich möglicherweise abbauen, indem manchmal nur eine kleine Liedzeile verwendet wird. Auf niedrigem Niveau und ohne Stress – durchaus auch ohne instrumentale Begleitung – kann Sicherheit im Umgang mit der Stimme gewonnen werden. Je öfter wir kleine(re) Liedteile einsetzen, umso schneller schwindet der hemmende Respekt vor dem Singen und weicht der Freude. Auch schüchterne SängerInnen werden sich zunehmend trauen! Lassen wir es zu!

Mag.a Anna Fleischner-Janits

Mag.a Anna Fleischner-Janits

Jahrgang 1987. Ausbildung zur Kindergartenpädagogin, heute Musik- und Bewegungspädagogin sowie freischaffende Musikerin. Als Lehrende für Rhythmisch-musikalische Erziehung an der BAKIP Wien-10 und bei PH-Fortbildungen tätig. Mitglied im Vorstand des Berufsverbands für Rhythmik.

Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!

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