Ein neues Kapitel beginnt ...

Birgit Weixelbaum

05.06.2017

3/2017

Der Berufseinstieg als Herausforderung für junge PädagogInnen .....

„Erfolg bringt, was Freude macht!“ – Dieses Sprichwort bedeutet, dass Herausforderungen, an die wir mit Begeisterung und Freude herangehen, mit Erfolg gekrönt sein werden. Dennoch bleiben Übergänge in neue und nur zum Teil bekannte Situationen, wie etwa der Berufseinstieg, mit vielen Herausforderungen und Anforderungen verbunden. Ob und wie wir Veränderungen bewältigen, hängt auch davon ab, ob ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen. Ansonsten können Anforderungen zu Überforderungen und somit zu Stress werden. (Vgl. Griebel 2004, S. 29)

Birgit Weixelbaum in UNSERE KINDER 3/2017

 

Viele junge ElementarpädagogInnen planen mit Vorfreude, hoher Motivation und vollem Engagement ihren Einstieg in den Beruf. Sie haben eine umfangreiche, wenngleich niemals fertige, Ausbildung hinter sich, erste Erfahrungen an ihren Praxisstellen gesammelt, Kontakte zu Kindern und ihren Eltern geknüpft und theoretisches wie praktisch- didaktisches Wissen erworben. Sie fragen sich, in welcher Einrichtung bzw. bei welchem Träger sie zukünftig arbeiten werden.

Viel Hoffnung und Vorfreude bestimmen die Tage vor dem Dienstantritt – aber auch Gedanken des Zweifelns und vage Ängste rund um all das Fremde, das auf mich zukommt. Gedanken wie: „Kann ich das schaffen?“, „Was, wenn ich einen Fehler mache?“ etc. sind völlig normal und berechtigt! Immerhin gilt es, Unbekanntes kennenzulernen, Neuland zu betreten und sich in diesem zu beweisen. Bisher waren die BerufseinsteigerInnen als SchülerInnen niemals alleinverantwortlich für eine Gruppe von ein- bis sechsjährigen Kindern, die sich nicht selten als recht heterogen darstellt. Nun, mit dem Eintritt ins Berufsleben, müssen sie für die Kinder ihrer Gruppe Verantwortung übernehmen.

Dennoch ist beim Start in den Beruf häufig Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Ausbildung ist beendet und es kann losgehen! Mussten zuvor gewisse Aufgaben und Aufträge erfüllt werden, um den Anforderungen der Schule bzw. der Praxisgruppe gerecht zu werden, können junge PädagogInnen nun autonom agieren.

In der Ausbildung haben sich BerufseinsteigerInnen viel Fachwissen angeeignet und dieses in Praktika auch schon teilweise umgesetzt. Sie haben Kompetenzen erworben und bereits Erfahrungen im Umgang mit Kindern gesammelt. Es gilt allerdings zu bedenken, dass BafEP-AbsolventInnen zu Beginn ihres Erwerbslebens vor komplexen Aufgaben stehen, auf die sie sich während ihrer Ausbildung nur unzureichend vorbereiten konnten, was natürlich Unsicherheit mit sich bringt. (Vgl. Leineweber 2012, S. 2)

Auf konkrete Situationen bezogene Anforderungen können während der Ausbildung geübt werden. Zeitlich länger andauernde Tätigkeiten können aber erst während der Berufseinstiegsphase erfahren und erstmalig bewältigt werden. (Vgl. Keller-Schneider 2010, S. 14) Die berufliche Entwicklung ist als lebenslanger Prozess zu betrachten, „der sich positiv beeinflussen lässt, wenn die Eröffnung gut geplant und durchgeführt wird.“ (Stamer-Brandt/Tofern 2012, S. 5).

 

Drei Stufen des Einstiegs

Nach Einschätzung des norddeutschen Experten- und Autorenduos Petra Stammer- Brandt und Frank Tofern (2012) werden berufliche Anforderungen in drei Stufen bewältigt:

  • Die erste Phase wird Phase der Orientierung genannt. In dieser Phase sind junge KollegInnen „vorwiegend damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen und sich mit den Regeln und dem ‚heimlichen Lehrplan‘ zu befassen. Häufig ist diese Phase von Selbstzweifeln geprägt.“
  • Phase zwei wird als Phase der Stabilisierung bezeichnet. Hier steht die Bewältigung des Berufsalltages im Mittelpunkt. Den PädagogInnen „gelingt es zunehmend, den Alltag zu beherrschen. Sie stellen sich mit ihren Belangen nicht mehr in den Mittelpunkt, sondern sehen den Situationsbezug.“
  • Als dritte Phase gilt die Phase der Routine, die sich im Tagesgeschehen einstellt: PädagogInnen übernehmen nun „selbstverständlich erzieherische Verantwortung und sind in der Lage, individuell auf Kinder einzugehen. Die Kinder stehen im Zentrum ihres Interesses.“ (Vgl. Stamer-Brandt/Tofern 2012, S. 7)

 

 

 

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Junge PädagogInnen, die in den Beruf einsteigen, sollten wissen, dass sie diese Phasen durchlaufen werden und dass es ganz normal ist, sich anfangs überfordert zu fühlen bzw. von Zweifeln geplagt zu werden. Wie bei der Eingewöhnung von Kindern in eine Kindergruppe dauert es auch bei BerufseinsteigerInnen einige Zeit, bis sie sicher und gut am neuen Platz angekommen sind. Es ist notwendig, sich selber diese Zeit zuzugestehen und nicht zu erwarten, sofort alles alleine bewältigen zu können. Erfahrene KollegInnen sollten Zeit und Raum geben, damit die Jungen gut ankommen und sich in die neue Situation einleben können. 

Auf dem Prüfstand angekommen

An ElementarpädagogInnen werden von unterschiedlichster Seite vielfältige Erwartungen herangetragen. Zum einen ist den gesellschaftspolitischen Anforderungen sowie den gesetzlichen Vorgaben und Normen zu entsprechen. Zum anderen stellen aktuelle Veränderungen (etwa die Zunahme von Familien mit Migrationshintergrund oder von Kindern mit traumatischen Fluchterlebnissen, vermehrte Scheidungs- und Trennungserfahrungen von Kindern, plurale Familienformen, Armutserfahrungen) eine Herausforderung dar. Wenn die genannten Veränderungen schon PädagogInnen mit Berufserfahrung auf die Probe stellen, um wie viel mehr dann junge, gerade in den Beruf einsteigende PädagogInnen? All diese Anforderungen können auch zu Überforderungen führen.

Während ihrer Ausbildung konnten junge ElementarpädagogInnen erste Erfahrungen im Umgang mit Kindern bzw. Eltern sammeln und eigneten sich methodisch-didaktisches, pädagogisches sowie entwicklungspsychologisches Wissen an. Durch Reflexion, Diskussion und gemeinsames Nachdenken mit SchulkollegInnen und LehrerInnen konnten angehende PädagogInnen im schulischen Rahmen ihre Praxis reflektieren, sowohl gelungene als auch weniger gelungene Praxiserfahrungen nachbesprechen und zu tieferem Verstehen gelangen.

Nach dem Abschluss der Schulausbildung aber sind sie nun auf sich alleine gestellt. Der „geschützte Bereich“ der Klasse und KollegInnen fällt weg wie auch die Hilfestellung durch die Lehrkräfte. Nun gilt es, die Feuerprobe zu bestehen und Handlungskompetenz zu beweisen.

Von der Theorie in die Praxis

Zu den Handlungskompetenzen für frühpädagogische Fachkräfte zählt nach Meinung des deutschen Entwicklungspsychologen Prof. Klaus Fröhlich-Gildhoff, „in komplexen und mehrdeutigen, nicht vorhersehbaren und sich immer anders gestaltenden Situationen eigenverantwortlich, selbstorganisiert und fachlich begründet zu handeln.“ (Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 78).

Von Fachkräften wird also erwartet, ihr „theoretisches, fachliches Wissen als auch reflektiertes Erfahrungswissen“ (ebd.) so zu nutzen, dass sie ihre Handlungen auf die jeweilige Situation spezifisch abstimmen können. Das bedeutet, dass PädagogInnen unter dem Rückgriff auf ihr erlerntes „Wissenschaftswissen“ und in Verbindung mit reflektiertem „Erfahrungswissen“ auch in unvorhersehbaren Situationen eigenverantwortlich (re-)agieren müssen.

Um professionell agieren zu können, ist es darüber hinaus notwendig, dass sich PädagogInnen ihrer ethisch-moralischen Grundhaltung bewusst sind, die ja implizit das Handeln bzw. das „Bild vom Kind“ bestimmt.
Auf die Auseinandersetzung mit eigenen biografischen Erfahrungen und auf deren Re-flexion kann im Sinn eines langangelegten Professionalisierungsprozesses nicht verzichtet werden. Und neben der biografischen Klarheit, der Selbstreflexivität sowie einer forschenden Haltung sind Ressourcenorientierung, Empathiefähigkeit, Feinfühligkeit und sensitive Responsivität sowie Offenheit und Diversitätskompetenz von enormer Wichtigkeit, um adäquat mit jungen Kindern agieren zu können. (Vgl. Nentwig-Gesemann et al. 2011, S. 17)

Der Weg geht weiter

All die beschriebenen Kompetenzen und Fähigkeiten, die ElementarpädagogInnen für das Bestehen und die professionelle Arbeit im Kindergarten brauchen, werden zum Teil von den PädagogInnen selbst mitgebracht bzw. im Zuge der Ausbildung grundgelegt und verfeinert. Letztlich aber braucht es die stetige Weiterentwicklung und -bildung der PädagogInnen selber, um angelegte und erlernte Kompetenzen auszufeilen, zu überarbeiten und zu vertiefen, damit sie die Kinder und ihre Eltern mit ihren spezifischen Bedürfnissen individuell und in ko-konstruktiver Weise begleiten können.
Es ist mir ein Anliegen, jungen PädagogInnen Mut zu machen, sich auf die verantwortungsvolle Reise mit Kindern zu begeben und sich Zeit einzuräumen, um im Beruf ankommen zu können. Ich wünsche allen BerufseinsteigerInnen, dass sie jeden Tag aufs Neue Freude am gemeinsamen Spielen und Lernen mit den Kindern erleben. Gestehen Sie sich ruhig ein, nicht alles sofort können zu müssen und setzen Sie in reflektierender und forschender Haltung einen Schritt vor den nächsten.

Birgit Weixelbaum

Autorin Birgit Weixelbaum BA
Jahrgang 1981. Ausgebildete Kindergarten- und Hortpädagogin, diverse Zusatz- und Spezialausbildungen; ElternKindGruppen-Leiterin. Absolventin des Lehrgangs „Sozialmanagement in der Elementarpädagogik“ an der FH Campus/Wien. Lehrerin für Didaktik, Kindergartenpraxis und Früherziehung am Privaten Kolleg für Elementarpädagogik in Zwettl/NÖ.

 

 

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