Bilderbücher erwachen zum Leben

Veronika Mayer-Miedl

02.05.2018

Fingerspiele, Reimgeschichten und selbstgebastelte Theaterbühnen

Schnell ist die Verwandlung vollzogen und aus zwei Händen werden plötzlich zwei Krokodile. Unfassbar, welches Theater die beiden mit verstellter Stimme, den Blick jeweils klar auf das sprechende Tier gerichtet, aufführen! Dieses Gezanke, Gemaule, diese Rechthaberei – nie sind sie sich einig. Simpler und zugleich faszinierender geht es kaum!

Veronika Mayer-Miedl in UNSERE KINDER 2/2018

Die spontanen Dialoge der beiden Hand- Krokodile sind fesselnd. Unvermutet können die Kontrahenten auch aufgreifen, was gerade passiert ist. Sie diskutieren Konfliktsituationen und erzählen einander alltäglich Erlebtes aus subjektiver Perspektive. Durch das nochmalige Aufgreifen können Vorkommnisse – losgelöst von jeglicher starrer Erzählung – reflektiert und verarbeitet werden. Gestalten aus Bilderbüchern werden lebendig und Kinder erleben anschaulich, welche Abenteuer in Büchern stecken. Zwischen den gespielten Szenen werden sie angeregt, die Bilder genau zu betrachten.

Fingerspiele und Kinderverse

Mit Fingerspielen und Reimgeschichten lassen sich Bilderbücher erweitern. Diese festgeschriebenen Kurzgeschichten haben bereits für junge Kinder großes Unterhaltungspotential, das mit jeder Wiederholung wächst. Reimgeschichten als Erweiterung von Bilderbüchern beleben die Bildbetrachtung und binden Kinder aktiv mit ein. Wer etwa die dritte Doppelseite des bekannten „Frühlings-Wimmelbuchs“ betrachtet, entdeckt vier Taubenpaare rastend auf dem Dachfirst des Bahnhofs bzw. auf der Brüstung der Dachterrasse. In Windeseile lassen sich die Daumen mit weißen Klebepunkten auf den Nägeln in Tauben verkleiden, die den Fingerspielklassiker „Zwei Tauben sitzen auf einem Dach“ spielen. Und auf der letzten Doppelseite ist eine Hasenfamilie im Tiergarten zu sehen. Ein willkommener Anlass, den Reim von Bydlinsky „Mitten im Karottenfeld“ einzubauen! Im Rhythmus der Textzeilen wird eine Karotte zuerst geschält und zerkleinert und dann zum Knabbern herumgereicht. Ist die Karotte verspeist, können nebenbei bereits etliche den Reim auswendig sagen.

Die Technik, entlang eines Wimmelbuches Reime und Fingerspiele aneinanderzubinden und sich mit ihnen durch die Handlung zu bewegen, bringt einzelne Spielverse in einen Zusammenhang. Tiere und Figuren aus dem Buch werden mit den Fingern dargestellt und bekommen ihren Auftritt. Dazwischen werden die Bilder in aller Ruhe betrachtet. Eine Bilderlupe aus Karton fokussiert die jeweilige Szene.

Papierfigurenspiel

Dass Bilder zum Leben erwachen und dargestellte Personen aus ihrem Bilderrahmen heraus sprechen, kommt nicht nur bei Harry Potter vor. Die Vorstellung, dass Figuren zumindest zeitweilig ihren zweidimensionalen Rahmen verlassen, taucht in der Bilderbuchliteratur immer wieder auf. In „Serafin und seine Wundermaschine“, einem Klassiker aus den 1970er-Jahren, sind es Gestalten der (Kinder-)Literatur, die Ölgemälde verlassen oder fröhlich zwischen Büchern aus dem Regal hervorkrabbeln, um sich munter plaudernd zur Hauptperson Plum zu gesellen: Max und Moritz, Pinocchio, Figuren der Commedia dell Arte wie Harlekin und Pierrot, Don Quichotte und Sancho Pansa, die Drei Musketiere, aber auch Winnetou und sogar ein grimmiger Pirat mit Holzbein.

Etwas Gezeichnetes, eine selbst erschaffene Figur zum Leben zu erwecken bzw. einem gezeichneten Geschöpf Lebendigkeit zu verleihen, das imaginieren Kinder während des eigenen Zeichenprozesses. Durch Ausschneiden entlang der Umrisslinie entstehen Konturen und die SchöpferInnen nehmen die Figuren ähnlich wie Anziehpuppen in Besitz und verleihen ihnen Charakter. Und auch der beim Basteln übrig gebliebene Papierabfall lässt sich verwenden. Selbst das kleinste Fitzelchen Papier aus der „Restekiste“ (ein Begriff der Schweizer Leseanimatorin Barbara Schwarz – www.leseanimation.ch) bekommt Bedeutung und agiert plötzlich selbstständig und auf überraschende Weise. Scheinbar wertloses Material wird spielerisch umgedeutet und mit Leben erfüllt.

Kindern ist daher der Vorgang vertraut, dass zweidimensionale Papierfiguren, denen wir mit unserer Stimme und mit Bewegungen Leben einhauchen, auf einer kleinen Bühne auftreten. Daher ist es in der Bilderbuchvermittlung naheliegend, reproduzierte Kinderbuchfiguren aus Papier lebendig werden zu lassen. Als Bühne kann ein Papiertheaterbrett oder ein Etuibuch fungieren, ebenso wie die Papierfiguren als Stabpuppen kleine Theaterstücke aufführen können. Mühelos vollzieht sich der Wechsel zwischen Fantasie und Realität – wie auch die hier veröffentlichten Fotos zeigen.

Die Büchermaus als Verwalterin der Bilderbuchfiguren

In einem dicken Schmöker wohnt – so die Idee der Schweizer Leseanimatorin Susi Fux-Löpfe (www.susifux.ch) – die Büchermaus. Und mit ihr hält sich zwischen den Seiten ein schier unerschöpfliches Reservoir immer neuer Bilderbuchcharaktere verborgen. Die Grundbotschaft „In einem dicken Buch steckt Spannendes und Abenteuerliches“ ist dabei überdeutlich.

In meinem Fall wurde „Das Bundesgesetzblatt, Jahrgang 1925“ (ein wertvolles Fundstück aus dem Altpapier meiner Wohngemeinde) zum Figurencontainer. Ich versah es mit einer Aushöhlung und in diesem Mäusenest hat es sich die Bewohnerin häuslich-mäuslich eingerichtet. Sie kennt sich gut aus mit Geschichten aller Art und hat in ihrem Bücherhaus jene aktuelle/n Figur/en versteckt, die es für die jeweilige Bilderbuchvermittlung braucht. Die Büchermaus kündigt die neue Geschichte im Dialog mit mir beinahe marktschreierisch an und fordert die Befreiung der BilderbuchheldInnen.

Stets reagieren die Kinder überrascht, wenn dem großen Buch ein papierenes Figürchen entschlüpft. Zuallererst beklagt es sich, dass es zwischen den Seiten so eng gewesen sei, erfreut sich seiner Befreiung und atmet erleichtert durch. Und dann verlangt es danach, aufzutreten, sich zu Wort zu melden, animiert und geführt zu werden … Ein kleiner einleitender Dialog zwischen der Figur und mir entspinnt sich, bevor ich die Geschichte erzähle.

Danach sind die Kinder eingeladen, selbst per Zufallsprinzip eine Figur aus dem Buch hervorzuziehen. Sofort erwacht die Neugierde auf die Charaktere: Was wird Peter an diesem schönen Frühlingstag gemeinsam mit seinem Hund Struppi und dem roten, weißgetupften Ball erleben? Augenblicklich versetzen wir uns in die Papierfigur – wir fühlen, was sie fühlt, sehen und entdecken, was sie wahrnimmt. Für die Arbeit mit den Jahreszeiten-Wimmelbüchern von Rotraud Susanne Berner bewähren sich laminierte Figuren, um die Handlungsstränge mit der Figur in der Hand zu verfolgen. Und rasch entstehen zwischen den Kindern Dialoge, ja rollenspielartige Theatersequenzen. Das in Bildern dargestellte Geschehen erwacht zum Leben. Solche szenischen Darstellungen bieten wertvolle Auftrittserlebnisse bzw. Erzählanlässe für die einen und verlangen von den anderen das respektvolle Zuhören als interessiertes Publikum.

Veronika Mayer-Miedl

Jahrgang 1971. Buchhändlerin, Literaturvermittlerin und Leseanimateurin für Kinder. Auch tätig als Spielgruppenleiterin und Referentin zu Bilderbuchthemen an der PH der Diözese Linz. Lebt mit ihrer Familie in Ottensheim, OÖ.

 

 

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