Alle sind willkommen
Öffentlichkeitsarbeit in elementarpädagogischen Einrichtungen ist weit mehr ist als die bloße Weitergabe von Sachinformationen. Sie entscheidet grundlegend darüber, wie Menschen unsere Einrichtung von außen erleben, ob sie sich selbstständig orientieren können und ob sie sich direkt angesprochen, verstanden und willkommen fühlen. Dass dieses Ankommen bei uns im Kindergarten so selbstverständlich funktioniert, ist das Ergebnis eines bewussten Entwicklungsprozesses. In unserer Einrichtung begleiten wir täglich Familien mit vielfältigen sprachlichen Hintergründen. Rund 85 % der Kinder und Erziehungsberechtigten haben eine andere Erstsprache als Deutsch. Was in manchen Kontexten als Barriere wahrgenommen wird, ist bei uns zum Motor für ein gelungenes Gesamtkonzept geworden.
Öffentlichkeitsarbeit trifft auf Interkulturalität
In pädagogischen Konferenzen, die wöchentlich für alle Teammitglieder entsprechend ihrer Funktion (Pädagog* innen, Assistent*innen, Assistent*innen für Integration) stattfinden, wurde deutlich, dass rein schriftliche Informationen das familiäre Umfeld oft nicht so erreichten, wie wir es beabsichtigt hatten. Diese Erkenntnis veränderte unseren Blickwinkel grundlegend: Die Frage, welche vielfältigen Kommunikationsformen wir nutzen können, um allen Menschen einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen, rückte in den Mittelpunkt. Hier wird die direkte Verbindung zwischen Öffentlichkeitsarbeit und interkultureller Pädagogik sichtbar: Brandstetter (2020) beschreibt den Kindergarten als eine „kulturelle Kontaktzone“, in der unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Wenn der Kindergarten eine solche Kontaktzone ist, dann bildet die Öffentlichkeitsarbeit die sichtbare Eingangstür und Membran dieser Zone. Interkulturelle Pädagogik bedeutet in diesem Verständnis, eine tatsächliche „Kultur des Zusammenlebens“ aktiv zu gestalten und genau hier verändert sich die Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit.
Während sie vielerorts primär externe Medienberichte oder Flyer fokussiert, liegt der Schlüssel für eine interkulturelle Öffnung bei uns konkret im alltäglichen Ankommen. Für unsere Praxis bedeutet dies eine gezielte Erweiterung unseres Öffentlichkeitsbegriffs auf die mehrsprachigkeitssensible Erstkontakt- und Raumkommunikation. An den visuellen und räumlichen Kontaktpunkten des Gebäudes entscheidet sich für uns, ob Orientierung ohne Sprachbarrieren gelingt. Wir konzentrieren uns darauf, unsere Strukturen so zu verändern, dass unterschiedliche Menschen darin selbstverständlich Platz finden. Aus diesem Verständnis leiten sich für unsere tägliche Kommunikations- und Gestaltungsarbeit drei zentrale Schwerpunkte ab:
1. Bewusste Perspektivenübernahme:
Wir betrachten Abläufe, Räume und Informationskanäle gezielt aus der Perspektive der Familien und Besucher*innen. Erst durch diesen Blick von außen werden Barrieren sichtbar, die für uns im Alltag längst selbstverständlich geworden sind.
2. Sprachfrei Zugänge und Multimodalität:
Schriftsprache wird dort bewusst reduziert, wo sie Zugänge erschwert und um visuelle Formen wie Fotografien, Piktogramme, Symbolsysteme, Farbcodierungen sowie eine klare räumliche Orientierung ergänzt. Kommunikation gelingt dann am besten, wenn sie vielfältige Zugänge eröffnet.
3. Transparenz, Autonomie und Würde:
Menschen sollen sich im Gebäude möglichst selbstständig orientieren und Informationen eigenständig erschließen können. Das stärkt die Selbstwirksamkeit, reduziert Abhängigkeiten und unterstützt eine wertschätzende Beziehung zwischen der Einrichtung und ihrem gesamten Umfeld.
Von der Idee zur Wirklichkeit
Orientierung durch visuelle Führung: Unser Leitsystem
Um allen Familien, neuen Gästen und externen Besucher*innen das Orientieren und Ankommen im Gebäude zu erleichtern, wurde ein eigener Wegweiser entwickelt. Da die Gruppen bei uns nach Farben benannt sind, ordnet eine klare Farbcodierung die Räumlichkeiten eindeutig zu. Der aus Holz gefertigte Wegweiser wurde zusätzlich mit 3D-gedruckten Gruppennamen gestaltet. Dieses visuelle Leitsystem ermöglicht allen Menschen, sich vollkommen unabhängig von Sprachkenntnissen selbstständig im Gebäude zurechtzufinden. Das schafft sofortige Sicherheit, Orientierung und Autonomie.
Pädagogik nach außen sichtbar machen: Das Tagesablauf-Board
Ein zentraler Baustein unserer Öffentlichkeitsarbeit ist das Tagesablauf-Board im Eingangsbereich. Um allen Interessierten einen verständlichen Einblick in das tägliche Geschehen zu geben, wird der Tagesablauf mit bewusst reduziertem Text, Fotos, einfachen Begriffen und Metacom-Symbolen (bildbasierte Kommunikationshilfen) dargestellt. Dadurch werden pädagogische Prozesse nach außen hin nachvollziehbar. Es wird auf einen Blick sichtbar, dass Bildungsarbeit nicht nur in geplanten Angeboten stattfindet, sondern den Alltag begleitet.
Ankommen ermöglichen: Der Eingangsbereich als Visitenkarte
Der Eingangsbereich ist für viele Menschen der erste räumliche Kontaktpunkt mit unserer Einrichtung und prägt den Eindruck von Offenheit und Willkommenskultur maßgeblich. Diese Zone wurde einladend, übersichtlich und funktional gestaltet. Bequeme Sitzmöglichkeiten bieten Raum für kurze Wartezeiten oder informative Gespräche. Für Kinder steht ein selbst gebautes kleines Haus („Sieben-Zwerge-Haus“) zur Verfügung, das Rückzug, Beschäftigung und freies Spiel während Übergangssituationen ermöglicht. Eine Glasvitrine stellt aktuelle Arbeiten und Einblicke aus dem Kindergartenalltag aus und eröffnet Vorbeigehenden ein unmittelbares Schaufenster in unsere pädagogische Arbeit.
Der Mensch macht den Unterschied – Öffentlichkeitsarbeit als Teamaufgabe
Die Praxisbeispiele aus unserer Einrichtung veranschaulichen, wie visuelle Führung und durchdachte Räume Transparenz schaffen, Orientierung geben und Zugänge öffnen. Doch ein hölzerner Wegweiser, ein Tagesablauf- Board oder ein Wartebereich bilden lediglich den physischen Rahmen. Ob Öffentlichkeitsarbeit ihre eigentliche Aufgabe erfüllt, nämlich eine offene, vertrauensvolle Brücke zwischen der Einrichtung und der gesamten Öffentlichkeit zu schlagen, entscheidet sich im alltäglichen Miteinander. Öffentlichkeitsarbeit gelingt erst dort, wo das Gestaltungskonzept von allen Mitarbeiter*innen der Einrichtung getragen wird. Jede Begegnung, jede Geste und jedes zugewandte Gespräch vermitteln nach außen, wie offen eine Institution tatsächlich ist.
Professionelles Handeln bedeutet in diesem Zusammenhang also, nicht beim reinen Fachwissen stehenzubleiben, sondern die eigene Wahrnehmung scharf zu halten. Es braucht den Mut des gesamten Teams, die eigene Komfortzone zu verlassen, Unausgesprochenes wahrzunehmen und den Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten mit ehrlicher Feinfühligkeit zu begegnen. Erst wenn räumliche Barrierefreiheit und eine zugewandte menschliche Grundhaltung ineinandergreifen, wird die Einrichtung zu einer echten Kontaktzone, in der sich jeder von der ersten Sekunde an verstanden und willkommen fühlt.
Bildnachweis: Anna Vaculik
Anna Vaculik
Kindergartenleiterin (Kinder- und Jugendservices Linz) Fachberaterin für Integration und Referentin im Rahmen interner Fortbildungen.
Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!