Die Küche als Labor
Im Praxiskindergarten der BafEP St. Pölten verstehen wir MINKT als ganzheitliches Zusammenspiel von Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Informatik und Kunst. Das vertiefende Eintauchen in diese Bereiche ermöglichen nicht nur die Gruppenräume, sondern auch unsere Schwerpunkträume. Dazu zählen das GenussReich (Kinderrestaurant), das IdeenReich (Atelier), die Gangbereiche und der Garten.
In den offen gestalteten Lernumgebungen können Kinder eigenständig (oft mit alltäglichen Materialien wie Lebensmitteln) experimentieren und ihre Erkenntnisse ausdrücken. Aufgrund der Vernetzung mit der BAfEP ist unsere Ausstattung glücklicherweise sehr einladend und modellhaft.
So gibt es für die Kinder (digitale) Mikroskope und Kameras, Rüsselkameras, Lupen, Prismen, Leuchtplatten und -tische, Overheads, iPads, Beamer, Pipetten, Messbehälter, Lichtquellen, Spiegel, Bee- Bots etc. Ergänzt wird all dies durch unstrukturierte Materialien, welche die Kreativität anregen und in einem Sammelregal in Anlehnung an das Remida-Konzept der Reggiopädagogik angeboten werden (z.B. zerlegte, alte Tastaturen, Computerzubehör, Kabelrollen, Verpackungsmaterialien, Stoffe, Papiere, usw.
Lebensmittel & Naturphänomene
Im GenussReich ermöglicht ein eigener Forscherplatz mit integriertem Miniatelier, dass die Kinder neben den hauswirtschaftlichen Tätigkeiten hier auch täglich MINKT (er)leben können. Als Reggiopädagogin sehe ich Kinder als aktive Mitgestalter*innen ihrer Lernprozesse und mich selbst als Begleiterin dabei. Ich setze Impulse und rege Reflexionsprozesse an, die Kinder entwickeln durch die Begleitung Hypothesen und eigene Lösungswege.
Der Raum und die vorbereitete Umgebung ist „der dritte Erzieher“. Er wird bewusst so gestaltet, dass er zum Forschen und Experimentieren anregt. Außerdem fördert das Miniatelier die „100 Sprachen des Kindes“, denn gerade die Verbindung von Kunst (K) mit MINT braucht vielfältige Ausdrucksformen.
In der Reggiopädagogik wird Kreativität als Methode verstanden, Probleme zu lösen. Auch unser Team sieht darin eine der wichtigsten Schlüsselkompetenzen für die nächste Generation, weshalb wir in unserer Bildungseinrichtung komplett auf Schablonenarbeit verzichten und andere Wege einschlagen. Umso bedeutender ist MINKT für uns, das weit über das Messen, Wiegen und Umrechnen von Mengen beim Backen und Kochen hinausgeht. Hier einige Beispiele aus der Praxis des GenussReichs, wie Kreativität in unserem Kindergartenalltag erlebbar wird:
Natürliches Färben
Welche Farben entstehen, wenn man Avocadoschalen oder Nussschalen auskocht? Ausgehend von dieser Frage färbten wir zu Ostern Stoffe für die Tischmitte. Die Ergänzung von Backpulver und Essig ermöglichen chemische Prozesse, welche die Farben verändern. Auch Ostereier verfärben sich durch die Beigabe von Gewürzen, braune Eier übrigens anders als weiße. Und wir entdeckten, dass Milch wie Klebstoff einzusetzen ist, um kleine Bilder auf Eiern anzubringen. Blätter und Blüten schirmen das Ei von der Farbe ab und es werden natürliche Ornamente sichtbar.
Aggregatzustände erkunden
Was passiert, wenn ich gemahlenen Mohn nochmals mit der Mohnmühle mahle? Warum wird die heiße Flüssigkeit beim Erkalten fest, wenn ich Erdbeeren einkoche? Wozu dient das Klebrige im Apfel- oder Quittenkern? Wieviel Flüssigkeit enthält ein Apfel? Wie lange braucht man, um 500g Karotten mit der Hand zu reiben und um wieviel schneller geht es mit der Küchenmaschine? Warum ist Reispapier unverkocht fest und brüchig, nass hingegen weich und dehnbar?
So viele Fragen! Die Erfahrungen, die wir dazu bei Experimenten mit Lebensmitteln und Küchengeräten machen, lassen uns staunen ...
Pflanzen als Inspiration
Handmörser sind beliebte Werkzeuge, um Gewürze oder Lebensmittel zu zerkleinern. Dadurch können Veränderungsprozesse gut wahrgenommen werden. Gerüche entstehen und das Zermahlene wird anschließend gerne vermischt, gesiebt, verrührt. Leuchtplatten oder Skizzenpapier vertiefen die Erfahrungsprozesse und ungewöhnliche Materialien führen zu kreativen Impulsen.
Was haben Schlüsselblumen mit Schlüsseln zu tun und was der Löwenzahn mit Zähnen? In Kombination mit der Rüsselkamera entstand dazu ein Gespräch über Menschen- und Pflanzenzähne, das zur Frage nach der Ernährung von Pflanzen führte.
Küchenabfälle wie ein Kohlstrunk, ein Paprika- oder Karottenendstück können zum Stempeln dienen. Kinder entdecken dabei Formen und Muster der Natur.
MINT ist ein spannender Bereich voller Abenteuer für alle und stärkt das Interesse an naturwissenschaftlich-technischen Themen. Umso schöner, wenn dabei auch die Kunst integriert wird, denn dies ermöglicht Kindern die Entwicklung des ästhetischen Blicks und kreativen Denkens.
Bildnachweis: Maiwenn Paget
Maiwenn Paget
Elementarpädagogin im Praxiskindergarten der BAfEP St. Pölten, GenussReich-Verantwortliche, ehem. Gastronomin u. Expertin für Ernährung und Lebensmittel, Reggiopädagogin.
Mehr zu frühkindlich-pädagogischen Themen finden Sie in UNSERE KINDER - das Fachjournal mit gelungener Verbindung zwischen praxisnaher Theorie und fachlich fundierten Berichten aus der Elementarpädagogik!