Hoffnungsvolle Zukunft
Was noch alles? Als meine Kollegin meinte, wir sollten einen Schwerpunkt über Werteerziehung andenken, erstarrte ich innerlich, denn wir hatten bereits enorm viele Erziehungsschwerpunkte: Umwelterziehung, Bewegungserziehung, Verkehrserziehung, sozialemotionale Erziehung, suchtpräventives Arbeiten, Sprachförderung ...
Ehrlich, ich wusste zuerst gar nicht, was meine Kollegin meinte. Sicher war ich jedoch, dass wir viele Kinder begleiten, die uns im Alltag zeigen, wie sehr sie Unterstützung benötigen.
Was sich hinter Werteerziehung verbergen könnte, wurde mir durch einen Blick in den BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen in Österreich (BRP, 2009) schnell klar und ich war äußerst erleichtert. Denn hinter der geforderten Werteerziehung verbarg sich der ganz normale Berufsalltag und all die anderen Erziehungsschwerpunkte bedeuten nichts anderes, als die Kinder in ihrer Entfaltung zu Mitmenschlichkeit und zu achtsamem Umgang mit ihrer Umwelt zu begleiten. Es geht um das Bewusstsein, welche ethischen Werte wir heute vermitteln wollen. Die höchste Wirksamkeit dabei hat das erzieherische Vorbild.
Was haben Werte mit religiöser Erziehung zu tun?
Keinesfalls ist es eine vorrangige Aufgabe des Kindergartens, religiöses Wissen zu vermitteln, wenngleich ganz selbstverständlich der eine oder andere Glaubensinhalt durch Feste und Feiern einfließt. In der religiösen Erziehung im Kleinkindalter ist meiner Meinung nach der Fokus auf die Entfaltung der Mitmenschlichkeit zu legen. Bereits der Begriff „Entfaltung“ zeigt, dass weder Trainingsübungen noch spezielle Bildungsarbeiten gemeint sind, sondern der ganz normale Kindergartenalltag. Durch „nachgehende Führung“, wie der Vordenker des Kindergartens Friedrich Fröbel (1782– 1852) formulierte, sollen Kinder im Kontakt mit ihren Mitmenschen Raum bekommen, entsprechend ihrer Reife soziale und emotionale Kompetenzen zu entwickeln.
Dass Kinder sich dazu in kleinen Gruppen zusammenfinden und den großen Gruppenraum in kleineren Teilbereichen nutzen, erlebte Margarete Schörl (1912–1991) als besonders geeignete Form, um die Entfaltung von Mitmenschlichkeit zu ermöglichen. Es wurde unter ihrem Namen als „Raumteilverfahren“ bekannt. Sie dachte dabei nicht zuletzt an jene Kinder, „die durch ihr Verhalten aufmerksam machten, dass sie Hilfe benötigten.“
Zur bereits erwähnten Vorbildfunktion der pädagogischen Fachkraft möchte ich ein (für mich beschämendes) Erlebnis aus einem Wiener Kindergarten erzählen: Ich holte ein Kind aus einer Kindergartengruppe ab. Um es liebevoll in Empfang nehmen zu können, stellte ich meine Tasche ab. Als ich die Tasche wieder aufgenommen hatte und zur Garderobe ging, rief mir die Pädagogin nach: „Aus ihrer Tasche tropft es!“ Meine Trinkflasche war nicht gut geschlossen, ich schraubte sie zu und wollte weitergehen. Ich traute meinen Augen nicht, als die Elementarpädagogin mit Papierhandtüchern begann, mein Missgeschick am Boden in Ordnung zu bringen und binnen kürzester Zeit drei Kinder mit ihr die Tropfen aufwischten. Das war Werteerziehung vom Feinsten! Und zwar mit einer Natürlichkeit vermittelt, die mein Staunen über die junge Kollegin hervorrief und mich mit großer Hoffnung für die Zukunft unserer Gesellschaft erfüllte …
Initiative Weltethos
Im Lauf der jahrtausendelangen Evolution entwickelte der Mensch die Fähigkeit, an etwas zu glauben, dem er auf spiritueller Ebene begegnen kann. Dies habe sich wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge als evolutionärer Vorteil herausgestellt. – Religionen waren in der Vergangenheit die einzigen Wertevermittlerinnen, allerdings mit der Gefahr, dass Personen sie für Werte instrumentalisierten, die den Menschen nicht dienlich waren. Dies gibt es leider auch in der Gegenwart. Eine zentrale Frage lautet daher: Wie können Religionen heute einen Beitrag für eine hoffnungsvolle Zukunft leisten, wo es doch so viele verschiedene Gottesvorstellungen gibt?
In dem vom deutschen Theologen Hans Küng (1928–2021) maßgeblich geprägten Konzept „Weltethos“ finden wir den Kern, der uns mit allen Religionen und Weltanschauungen verbindet.
„Weltethos ist keine Weltideologie und keine neue Dogmatik. Es strebt keinen Moralismus und keine Vergesetzlichung der Moral an. Weltethos meint auch keine einheitliche Weltreligion oder eine Mischung aus allen Religionen. Es geht um das Minimum an Werten, die den Religionen im Ethos jetzt schon gemeinsam sind.”
So die Definition der Wiener BAfEP-Lehrerin Paulina Stockinger in einer wissenschaftlichen Arbeit zum Weltethos im Jahr 2009. Vor allem in der „Goldenen Regel“ fand man diese Gemeinsamkeit. Da sich das Einfühlungsvermögen meist im vierten Lebensjahr entwickelt, ist sie ab diesem Alter auch bei Kindern einsetzbar. Besser als die sprichwörtlich bekannte Formulierung „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu“ finde ich die positive Beschreibung des Neuen Testaments der christlichen Kirchen: „Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso“. (Mt 7,12, siehe dazu auch den Info-Kasten „Die Goldene Regel in den religiösen Traditionen”)
Wie religiöses Denken entsteht
Sowohl Kindergartenkinder, als auch Schüler*innen stellen logisch denkend Fragen, die die Religionen zu beantworten versuchen. Schon im Vorschulalter entwickelt sich die Fähigkeit, nicht nur reale Dinge wahrzunehmen, sondern sich auch Dinge vorzustellen, die nicht sichtbar sind. Die Frage, was das mit dem religiösen Denken zu tun hat, hätte ich früher mit der Herkunft oder dem sozialen Umfeld der Kinder beantwortet. Allerdings wurde ich eines Besseren belehrt, wie die folgenden Beispiele zeigen, kommen Kinder über das logische Denken zu ihren Fragen:
• Ein Kind, das seine nicht religiös verankerte Großmutter fragte, woher alles komme, erhielt die etwas genervte Antwort: „Vom Urknall!“ Darauf das Kind: „Oma, ich habe dich nicht nach dem Urknall gefragt, sondern wer geschossen hat.“
• Ein Kind, dessen muslimische Eltern dieselbe Frage mit „Gott hat alles gemacht“ beantworteten, war mit dieser Antwort ebenfalls unzufrieden. Es fragte weiter: „Aber wenn Gott alles gemacht hat, wie hat er sich selbst gemacht?“
• Ein Kind aus christlichem Umfeld, dem erzählt wurde, dass Gott bei ihm sei und gleichzeitig auch bei der kranken Freundin, stellte die Frage: „Hat Gott denn einen Düsenjet?“
Kinder philosophieren und stellen Fragen, egal in welcher Religion sie sozialisiert werden oder in welchen Kulturen sie aufwachsen, sie entwickeln daraus eigene spirituelle Vorstellungen. Im Rahmen der Reggio-Pädagogik fragte meine Kollegin einmal die sechsjährigen Kinder, was ihre wichtigste Frage sei.
Ein Mädchen meinte: „Ich möchte gerne wissen, ob alle Menschen, die je gelebt haben, in meinem Herzen Platz haben!“ Statt zu antworten, fragte meine Kollegin – wie in der Reggio- Pädagogik üblich – zurück: „Was denkst du?“ und das Kind antwortete selbstsicher: „Ja, ich glaube, dass in meinem Herzen eine riesige Stadt ist, in der alle Menschen, die je gelebt haben, Platz haben.“ Der Einladung, diese Stadt zu zeichnen, kam es dann freudig nach. Das Mädchen nahm in seiner Vorstellungskraft die ganze Menschheit hinein und hatte kein Problem, sein Herz so groß zu denken. Die Universalität dieses kindlichen Gedankens ist einfach staunenswert, obwohl es weder den Begriff „Ewigkeit“ noch die Kategorien „Raum und Zeit“ kannte.
Philosophie und Kinder
Philosophieren mit Kindern bedeutet auch, die theologischen Aussagen der Kinder zu achten. Wenn man ihre Gedankengänge zulässt, merkt man, wie schnell diese wechseln. Gott könnte der Mond sein und im nächsten Moment die Sonne.
Die Vorstellungen, wie Gott aussehen könnte, haben sehr viel mit dem Umfeld der Kinder zu tun. Sie bleiben oft im Innersten ein Leben lang prägend. Wird Gott als Retter bezeichnet, so stellen ihn sich Kinder möglicherweise als Feuerwehrmann vor. Bei der Entwicklung eines Gottesbildes bzw. der Vorstellung unsichtbarer höherer Wesen spielt das magische Denken eine große Rolle. Dieser Prozess bedarf kompetenter Begleitung. Aber Achtung! Wer Figuren wie den Krampus als Miterzieher einsetzt, trägt möglicherweise zu lebenslang wirkenden Traumatisierungen bei. Auch Aussagen wie „Wenn du nicht brav bist, bringt dir das Christkind nichts“ können zu einem absolut fragwürdigen Gottesbild führen, nämlich von einem, der nur bei Gegenleistung liebt.
Das Wort Religion bedeutet wörtlich übersetzt „Rückbindung“ und meint eine Beziehung zu einer höheren Macht, die Vertrauen, Dankbarkeit, Sinnfindung und Hoffnung über den Tod hinaus gibt. Wir Menschen sind eingeladen, Gebote einzuhalten und ein gutes Leben zu führen. So werden Spiritualität und ethische Werte zu einer Kraft, die durch schwierige Lebenssituationen trägt und Weiterentwicklung ermöglicht.
Mit den Eltern offen kommunzieren
Religiöse und ethische Erziehung gehört immer mit den Eltern kommuniziert, weshalb es schon vom ersten Elternabend gute Aufklärung braucht – vor allem, um Menschen aus anderen Religionen und Kulturen Ängste zu nehmen. Nie darf es im Kindergarten um Missionierung gehen oder darum, anderen den eigenen Glauben aufzudrängen. Vielmehr geht es darum, das Verbindende zu entdecken. Auch über „unsere“ Feste und Werte gilt es klar und verständlich zu informieren, etwa mit folgenden Kurzkommentaren:
• Erntedank: Dankbar sein und mit der Natur achtsam umgehen.
• Martinsfest: Licht für andere Menschen sein und teilen.
• Nikolausfest: Mitmenschen beschenken, ihnen Freude bereiten.
• Weihnachten: Durch die Feier von Jesu Geburt die Sehnsucht nach Frieden unter den Menschen stärken.
• Fastenzeit: Nicht um den Verzicht geht es, sondern darum, sich auf das Gute zu besinnen (sh. dazu den eigenen Artikel in dieser Ausgabe).
• Ostern: Hoffen, dass das Leben stärker als der Tod ist.
• Pfingsten: Wir sind nicht allein, sondern gestärkt durch Gottes Geist.
Als eine Muslima ihr Kind in unserer Gruppe anmeldete, erklärte ich ihr, welche Feste wir feiern. Sie meinte: „Es ist mir sehr wichtig das meine Tochter erfährt, was in Österreich bei den verschiedenen Festen gefeiert wird. Als ich vor Jahren aus der Türkei in eine österreichische Schule kam und im Advent „Engerl – Bengerl“ gespielt wurde, hatte ich keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte.“
Nicht alle Eltern reagieren so offen, und es bedarf großer Sensibilität, das Verbindende zu vermitteln und Ängste abzubauen. Bereits bei der Anmeldung sollten die Vorgaben des Kindergartenträgers geklärt werden. In Österreich ist es von Bundesland zu Bundesland verschieden, ob religiöse Erziehung verboten oder gesetzlich verankert ist. Private Kindergärten haben oft einen religiösen Auftrag und manche Eltern melden ihre Kinder bewusst dort an.
Hoffnung durch Offenheit
Wer Kinder bei der Entfaltung von Werten, die zu mitmenschlichem Denken und Handeln führen, begleitet, vermittelt ihnen fürs ganze Leben ein Handwerkszeug zum Aufbau einer hoffnungsvollen Zukunft.
Für mich ist die Religion eine „Werteträgerin“, die aus innerer Überzeugung zum Leben jener ethischen Grundsätze einlädt, die „Einheit in Vielfalt“ ermöglichen. Ich wohne in einem Stadtteil von St. Pölten – gemeinsam mit vielen Menschen aus anderen Kulturen und Religionen – und erlebe es als sehr bereichernd, mich über verschiedene Werte mit ihnen auszutauschen. Vor allem der achtsame Umgang miteinander und die aktive Hilfsbereitschaft lassen mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.
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