Interview mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr
Seit gut einem Jahr, nämlich dem 3. März 2025, ist Christoph Wiederkehr österreichischer Bundesminister für Bildung. Schon während seiner Tätigkeit als Wiener Bildungsstadtrat von 2020 bis 2025 fiel auf, dass er den Elementarbereich stets in einem Atemzug mit der Schule nannte. Grund genug, den 1990 in Salzburg geborenen Politiker zum Interview zu bitten. Die Fragen stellten Judith Moser-Hofstadler und Martin Kranzl- Greinecker von der UNSERE KINDER-Redaktion.
Herr Minister, lassen Sie uns mit Ihnen selbst beginnen: Welche persönliche Verbindung haben Sie zu Krippe, Kindergarten und/oder Hort? Gibt es eine Lieblingserinnerung aus Ihrer Kindergartenzeit?
Ich war der erste Bub in einem Mädchenkindergarten und habe sehr positive Erinnerungen an diese Zeit, da ich dort bestens aufgenommen worden war. Außerdem ist meine Schwester als Elementarpädagogin in Salzburg tätig. Ja, es gibt eine Lieblingserinnerung an meine Kindergartenzeit, nämlich daran, dass ich einmal von einem netten Mädchen einen besonders schönen Stein geschenkt bekam.
Wenn Sie über das Bildungssystem sprechen, nennen Sie Schule und Kindergarten stets in einem Atemzug. Für Sie steht die Elementarpädagogik als Basis ganz oben. Warum ist das so und welche konkreten Umsetzungsschritte ergeben sich für Sie daraus, vor allem wenn es um Ausstattung, Image und Verwaltung der unterschiedlichen Bildungseinrichtungen geht?
Die ersten Lebensjahre sind die prägendsten – darin sind sich Wissenschaft und Hausverstand einig. Die Elementarpädagogik als erste außerfamiliäre Stufe der Bildungslaufbahn ist daher von immenser Bedeutung für die Entwicklung der grundlegenden Kompetenzen und Einstellungen der Kinder.
Was das Image des Berufs betrifft, leisten wir als Bildungsministerium aktuell einen Beitrag in Form der Kampagne „Elementar wichtig!“, die erstmals bundesweit die Bedeutung des Berufs kommuniziert und verschiedene Ausbildungswege zur Elementarpädagogin bzw. zum Elementarpädagogen bewirbt. Ein Schritt in dieselbe Richtung ist auch die Einführung des neuen grundständigen Bachelorstudiums Elementarpädagogik. Neben den schulischen Ausbildungsformen an der BAfEP, die auch weiterhin wichtig bleiben, führt damit erstmals auch ein akademischer Weg in diesen verantwortungsvollen Beruf. Die Ausstattung und Administration der elementaren Bildungseinrichtung ist Sache der Bundesländer, Gemeinden und Trägerorganisationen. Wir haben hier als Bundesregierung keinen direkten Einfluss. Im Zuge der Reformpartnerschaftsverhandlungen mit den Ländern setzen wir uns aber für österreichweite Qualitätsstandards ein und sind auch bereit, dafür zusätzliche Mittel beizusteuern.
Wie wollen Sie in Zukunft die Budgetverteilung anlegen, besonders was die Ausbildung der dringend benötigten, zukünftigen Pädagog* innen betrifft? Wie steht es um die Lernplan- und BildungsRahmenPlan- Erneuerung? Wann endlich kommt die Bundeszuständigkeit für die vorschulische Bildung und Betreuung? Und wo sehen Sie Österreichs Elementarpädagogik im europäischen bzw. internationalen Vergleich?
Mehr Bundeszuständigkeit würde voraussetzen, dass die Länder bereit sind, Zuständigkeiten abzugeben. In der Reformpartnerschaft ist unser Ziel, die Kompetenzverteilung insgesamt klarer und übersichtlicher zu regeln und speziell für die Elementarpädagogik österreichweite Standards auszuhandeln. Aus heutiger Sicht ist noch nicht abzuschätzen, wie das Ergebnis der Verhandlungen, die auch andere große Themen wie Gesundheit, Energieversorgung und Verwaltung umfassen, aussehen wird. In die Ausbildungsoffensive für die Elementarpädagogik investieren wir zehn Millionen Euro pro Jahr. Sie umfasst neben den Bachelorstudien unter anderem auch berufsbegleitende Kollegs mit Online-Anteilen sowie Hochschullehrgänge zur Höherqualifikation von Assistenzkräften zu Fachkräften, um für alle Zielgruppen attraktive Ausbildungsangebote bereitzustellen. Damit diese Personen im Beruf bleiben, sind die Arbeitgeber*innen – also Bundesländer, Gemeinden und Trägerorganisationen – gefragt, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen.
Der neue BildungsRahmenPlan wird derzeit, nach einer breit angelegten Umfrage und Dialogforen mit unterschiedlichen Gruppen, vom Charlotte-Bühler-Institut ausgearbeitet. Bis zum Sommer soll er mit den Bundesländern abgestimmt und anschließend beschlossen werden.
Was die Elementarpädagogik im internationalen Vergleich betrifft, so hat Österreich noch großen Aufholbedarf, obwohl in den letzten Jahren Fortschritte gelungen sind. Wir wollen uns dabei an den besten (etwa an Ländern in Nordeuropa) orientieren, um der elementaren Bildung jenen Stellenwert zu geben, der ihrer großen Bedeutung als Startrampe in ein gelingendes Leben entspricht.
Welche Art von Bildung meinen Sie, wenn Sie elementarpädagogische Einrichtungen ansprechen? Sehen Sie Krippe und Kindergarten eher als eine Art Vorschule oder liegt der Fokus auf sozialer und emotionaler Bildung?
Die Elementarpädagogik ist für mich ein eigenständiger Bildungsbereich mit eigener Identität, Berufshaltung und spezifischer Methodik. Die Palette der Kompetenzen, deren Entwicklung in Krippe und Kindergarten gestärkt werden, ist äußerst vielfältig und reicht von sozial-emotionaler Bildung über Aspekte wie Ernährung, Grob- und Feinmotorik bis hin zu Zahlenverständnis und Sprache. Dies alles ist für die Kinder in ihrer gegenwärtigen Lebenswelt als auch für ihren weiteren Weg in Schule und Beruf von größter Bedeutung.
Für den Schulbereich versprechen Sie den vermehrten Einsatz von Fachkräften aus Psychologie und Sozialarbeit. Wie sieht es damit im Bereich der Elementarpädagogik aus? Ließen sich nicht viele Probleme, die Kinder später haben bzw. verursachen, bereits vorher vermeiden oder zumindest abschwächen?
Multiprofessionelle Teams zur Unterstützung der Pädagog*innen sind nicht nur für die Schule relevant, sondern ebenso für die Elementarpädagogik. Manche Trägerorganisationen verfolgen auch bereits solche Ansätze, etwa mit mobilen Teams. Jeder Ausbauschritt in diese Richtung ist wertvoll.
Eines Ihrer Anliegen ist die digitale Komptenz, etwa im Umgang mit KI oder Fake News. Welche Fähigkeiten müssen Ihrer Meinung nach Menschen heute ganz früh erlernen, um fit für die Zukunft zu sein? Und wie denken Sie über Kindergärten als Orte sozialer Integration?
Kindergartenkinder begegnen in ihrer alltäglichen Lebenswelt digitalen Geräten ganz massiv – leider viel zu oft in einer nicht altersgemäßen Form. Hier sind wir Erwachsene in unserer Vorbildfunktion gefragt, ebenso wie eine Pädagogik, die Kinder im Umgang mit digitalen Geräten und Inhalten kritisch-konstruktiv begleitet. Meiner Meinung nach sollten Kindergärten und Schulen Orte sein, die frei von digitaler Ablenkung sind und Kindern einen Raum der Entfaltung und der Konzentration bieten.
Was würden Sie den österreichischen Elementarpädagog*innen und allen im Bereich tätigen Fachkräften ins Stammbuch schreiben?
Sie sind elementar wichtig für die Entwicklung, die Neugier, das Selbstvertrauen und die Autonomie der Kinder! Danke, dass Sie diesen herausfordernden, aber auch erfüllenden und sinnstiftenden Beruf ausüben und einen großen Beitrag zur Zukunft jedes einzelnen Kindes und unserer Gesellschaft als Ganzes leisten.
Danke für das Interview!
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