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Quellen der Resilienz

Mit Märchen Widerstandskräfte entwickeln

 

UKI_6_2021_Artikel

Wer den Aufbau von Märchen vor dem Hintergrund der Resilienz- Theorie(n) betrachtet, wird in den Handlungsweisen der ProtagonistInnen unterschiedliche Resilienzquellen entdecken. Die Lösungsstrategien der HeldInnen können anregend für eigene Lebenssituationen sein. Deshalb gilt es, Kinder auf resilienzförderndes Verhalten in Märchen hinzuweisen. Sie könnten auch eigene Geschichten erfinden, um innere Stärke zu fördern.

Zahlreiche ExpertInnen sind sich einig, dass Kinder Märchen brauchen und diese auch gut verstehen. Die kindliche Weltsicht ist von Polarisierungen gekennzeichnet und genau solche Gegensätze finden sich in Märchen wieder. Schwarz-Weiß-Muster wie „Gut und Böse“ oder „Fair und Unfair“ lassen eine einfache Bewertung von Lebenssituationen zu. Nach dem Kinderpsychologen und Psychoanalytiker Bruno Bettelheim (1903–1990) bieten Märchen Kindern verständliche Lösungen an, denn sie entsprechen dem kindlich-animistischen Denken und drücken auf symbolisch-bildhafte Weise das aus, was Kinder bewegt (Hoeppel, 1994).

Begleitung in Entwicklungsphasen

Märchen üben eine große Faszination auf Menschen aus. Sie thematisieren, womit wohl alle Menschen im Laufe des Lebens konfrontiert werden: kritische Lebensereignisse (etwa der Tod einer geliebten Person), Übergangsphasen (beispielsweise vom Kind bzw. Jugendlichen zum Erwachsenen) oder Probleme zwischen den Generationen. Im Märchen wird die Bewältigung von Krisen anhand von „Entwicklungspfaden der HeldInnen“ ausgedrückt. HeldInnen im Märchen sind bestrebt, den positiven Zustand von Glück, Erfolg, Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Liebe zu erreichen. Der Weg dorthin ist jedoch nicht einfach und voller Hindernisse. Belastungen werden oft durch das Negative im Menschen wie Neid, Habgier oder Bosheit ausgedrückt.

All diese Themen waren in ferner Vergangenheit aktuell und werden es auch in Zukunft sein, wenn es darum geht, Krisen zu überwinden, die ihrerseits Anstoß für Entwicklung sind. (Frey, 2017) Genau an diesem Punkt lässt sich die Brücke zur Resilienz schlagen, denn auch Resilienz kann nur in Bezug auf die Bewältigung von Krisen sichtbar gemacht bzw. erfasst werden. Gibt es keine Herausforderung oder Belastung für die kindliche Entwicklung, ist nicht von Resilienz die Rede, sondern von (sozialer) Kompetenz. Aus sozio-ökologischer Perspektive beruht Resilienz nicht auf einem einzelnen Faktor, sondern entsteht durch das Zusammenspiel vielfältiger Person- und Umweltfaktoren. Sie lässt sich mit dem Blick auf innere und äußere persönliche Ressourcen so definieren: „Resilienz ist ein Prozess der Überwindung, der Anpassung oder des Umgangs mit Belastungen und Traumata. Ressourcen innerhalb des Individuums und seiner Umwelt ermöglichen diese Anpassung und helfen im Angesicht von widrigen Umständen, wieder auf die Beine zu kommen.“ (Vgl. Windle, 2010)

Diese Resilienzdefinition beinhaltet die drei kulturübergreifenden Quellen, die Edith Grotberg in ihrer internationalen Forschungsarbeit 2001 benannte:

  • ICH BIN – Ressourcen innerhalb des Individuums: Damit wird die Entwicklung innerhalb des Kindes angesprochen, also innere persönliche Stärken, die sich in Gefühlen, Einstellungen und Meinungen des Kindes ausdrücken.
  • ICH HABE – Ressourcen der Umwelt: Hierbei handelt es sich um die Versorgung rund um das Kind, z. B. durch andere Personen oder durch die Gesellschaft (Unterstützungsangebote, Gesundheitssystem etc.).
  • ICH KANN – Umwelt und Kind sind in Interaktion: Dies meint den Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten mithilfe der Umwelt durch das Kind.

Resilienz im Märchen

In jedem Märchen kommen diese drei Resilienzquellen nach Grotberg vor, denn grundsätzlich beginnt jede Erzählung mit einer mehr oder weniger großen Herausforderung der handelnden Personen, die sich als „Resilienzdefizit“ ausdrückt. Die Misshandlung von Aschenputtel durch seine Stiefmutter entspricht etwa einem „Ich BIN-Defizit“ (fehlende Liebe und Wertschätzung) und einem „Ich HABE-Defizit“ (fehlende Versorgung durch nahestehende Menschen). In vielen Märchen erleben die Hauptfiguren stellvertretend solche menschlichen Probleme, wie sie im Leben jeder Person auftreten können. Da weder Zeit noch Ort genau definiert sind, lassen sich viele Geschichten mühelos auf die eigene Lebenswirklichkeit übertragen. Die Ausgangssituation eines Märchens entspricht also immer einer Krise, zu deren Bewältigung es einen Veränderungsprozess braucht. Das heißt, die ProtagonistInnen geraten durch widrige Umstände in Situationen, die durch eigene Kraft und/oder durch Hilfe von außen zu überwinden sind. Anhand eines Märchens der Brüder Grimm wird im Folgenden aufgezeigt, wie Resilienzdefizite und -faktoren systematisch erfasst werden können:

Die Bremer Stadtmusikanten (1819)

Am Beginn der Krise steht ein alter Esel, welcher von seinem Hausherrn geschlachtet werden soll, da er ihm als Nutztier nicht mehr dienen kann.

• Resilienzdefizit: Der Esel verliert die Wertschätzung einer wichtigen Bezugsperson, dem Hausherrn („Ich HABE“-Defizit) und fühlt sich dadurch ungewollt („Ich BIN“-Defizit).

• Resilienzfaktoren: Der Esel ergreift Eigeninitiative und läuft weg („Ich KANN“ – Problemlöseverhalten) und übernimmt Verantwortung für sein Leben („Ich BIN“ – sich selbst gegenüber rücksichtsvoll und verantwortungsvoll sein). Er will Stadtmusikant in Bremen werden („Ich BIN“ – Glaube, Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft). Im Laufe der Geschichte wird der Esel zur wichtigen Unterstützung für andere Tiere, die ein ähnliches Schicksal bzw. Resilienzdefizit erlitten haben.

Gemeinsam mit Hund, Katze und Hahn zieht der Esel weiter und die vier werden zu Stützen füreinander („Ich HABE“ – Unterstützung und Wertschätzung durch andere erfahren). Da die Tiere Bremen nicht mehr am selben Tag erreichen, nächtigen sie im Wald. Als der Hahn von seinem Schlafplatz im Baumwipfel in der Ferne ein Räuberhaus, in dem Licht brennt, erspäht („Ich KANN“ – Einsatz persönlicher Stärken), beschließt die Gruppe, nochmals aufzubrechen und die Räuber aus dem Haus zu jagen. Sie türmen sich auf – der Hund auf den Rücken des Esels, die Katze am Rücken des Hundes und der Hahn auf dem Rücken der Katze („Ich KANN“ – Problemlöseverhalten; „Ich HABE“ – Unterstützung und Wertschätzung durch andere erfahren). Sie stimmen ihre Musik an und vertreiben so die Räuber. Als diese in der Nacht ihr Räuberhaus zurückerobern wollen, werden sie von den Tieren unter Einsatz ihrer entsprechenden Stärken und Fähigkeiten („Ich KANN“) vertrieben.

Der Nutzen für die Praxis

Nicht nur Märchen, sondern auch andere Geschichten können aus dem Blickwinkel der Resilienz betrachtet und auf Resilienzdefizite sowie -quellen untersucht werden (z. B. „Heidi“ oder „Pippi Langstrumpf“). Ebenso können in der Arbeit mit Kindern deren aktuell belastende Erfahrungen als „persönliche Geschichten“ aufbereitet und als Resilienzdefizite bzw. -quellen erfasst werden. Kinder zeigen – genau wie die ProtagonistInnen in Märchen und Geschichten – trotz widerfahrener Krisen und Gegenschläge im Leben Stärken, die unter Umständen zu Beginn einer Krise verdeckt sind. Diese Stärken gilt es zu identifizieren und zu festigen!

Beim Betrachten der Defizite sowie vorhandener Resilienzquellen wird schnell klar, welche der drei Quellen („Ich BIN“–„Ich HABE“–„Ich KANN“) nicht oder wenig vorkommen. So können speziell diese gestärkt werden. Das Ziel der praktischen Arbeit ist stets, alle drei Resilienzquellen nach Möglichkeit zu fördern und ein Gleichgewicht herzustellen.

 

 

Bildnachweis: Wikicommons/Jürgen Howaldt

Dr.in Silvia Exenberger

Jahrgang 1972. Kindergartenpädagogin. Klinische- und Gesundheitspsychologin an der Med. Uni Innsbruck.

Dr.in Verena Wolf

Jahrgang 1972. Kindergartenpädagogin. Klinische- und Gesundheitspsychologin. Autorin und Musikerin.

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