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Uns allen muss es gut gehen ...

Auf Bedürfnisse achten, heißt: Wir passen gut aufeinander auf

 

UKI_3_2026_Artikel

Jede Woche mache ich mit acht bis zehn Kindern eine Motopädagogikeinheit in unserem Bewegungsraum. Der Ablauf ist den Kindern bereits vertraut. Die wichtigste Regel während der gemeinsamen Stunde lautet: Wir passen gut aufeinander auf! 

Nachdem wir uns bei einem intensiven Laufspiel viel bewegen konnten, starten die Kinder in die extensive freie Spielphase der Einheit. In dieser Zeit ziehe ich mich etwas zurück und nehme eine möglichst beobachtende Rolle ein. Ich bin jedoch präsent für die Kinder und unterstütze bei Bedarf. So können die Kinder lernen, Bedürfnisse wahrzunehmen und auf sie einzugehen – die eigenen und die der anderen. 

Freudig gespannt erwarten mich die Kinder und gemeinsam besprechen wir den geplanten Ablauf. Den Kindern stehen heute in der extensiven Phase unterschiedlich große, farbige Reifen zum Experimentieren zur Verfügung. Sie können auch die Sprossenwand und die Kletterwand zum Klettern und Springen benutzen. Nach dem Startkommando laufen einige Kinder lachend zu den Reifen. Sie rollen sie über den Boden, werfen und fangen diese geschickt oder kreisen sie um ihre Hüften. Die anderen Kinder zeigen Mut und Geschicklichkeit an der Sprossenwand, indem sie hinaufklettern, sich festhalten und wieder herunterspringen. 

Es herrscht eine lebhafte und fröhliche Atmosphäre. Die Kinder sind viel in Bewegung und Interaktion. Reifen werden getauscht und gesammelt, Spielideen mitgeteilt, verhandelt und ausprobiert, Absprachen werden getroffen und wieder neu angepasst. 

Der goldene Reifen 

Clara hat viele Reifen in einer Ecke gesammelt. Auch der einzige goldfarbene ist dabei. Valentin nähert sich Clara und nimmt ihn sich, worauf Clara zu schreien anfängt. Tränen laufen ihr über die Wangen. Valentin geht langsam zwei Schritte rückwärts, den goldenen Reifen in der rechten Hand. Sein Blick ist bei Clara. Er bleibt stehen, dann entfernt er sich nochmals zwei Schritte, den Blick immer noch auf Clara gerichtet. Schließlich wendet er sich langsam ab und gibt den goldenen Reifen Anton weiter. 

Ich frage Valentin, ob es Clara gut geht. Er meint „Nein“ und schaut kurz zu Boden. Er steht still da. Dann nähert er sich Anton, streckt den Arm in Richtung des goldenen Reifens. Doch Anton hält den goldenen Reifen fest an seinen Körper gedrückt. Mehrmals bittet Valentin Anton um den Reifen. Anton reagiert darauf nicht. Valentin nimmt Anton vorsichtig den Reifen weg und gibt ihn Clara zurück. Anton schreit. Er schreit laut. Immer und immer wieder. Alle Kinder stehen wie versteinert um Anton herum und beobachten ihn. Anton steht fest und stabil. Sein Körper ist angespannt, die Arme sind leicht geöffnet nach vorne gestreckt. Er schreit. Zwei Kinder bieten ihm andere Reifen an. Anton reagiert nicht. Er steht und schreit. Plötzlich verändert sich etwas in Claras Augen. Sie schaut Anton noch intensiver an. Sie nähert sich ihm langsam. Schritt für Schritt, mit dem goldenen Reifen in der Hand. Sie schaut Anton in die Augen und hält ihm den goldenen Reifen hin. Anton nimmt den Reifen und die spürbare Spannung in seinem Körper und auch im Raum ist wie weggeblasen. Für mich ist es ein magischer Moment, in dem individuelle Bedürfnisse von Kindern wahrgenommen werden und sich verändern. 

Bedürfnisse abwiegen 

Bedürfnisse sind umfassend, individuell, unterschiedlich und wechselnd, wie man an der geschilderten Situation erkennen kann. Grundlegend als Pädagogin oder Pädagoge ist, durch Beobachtung wahrzunehmen, welches Bedürfnis für ein Kind gerade wichtig erscheint und ob oder wie es zu erfüllen ist. 

Clara konnte ohne aktive Hilfestellung ihr Bedürfnis, den goldenen Reifen haben zu wollen, zugunsten Antons Bedürfnis, welches ihrem entsprach, hintanstellen. Außerdem war an ihrem Blick zu erkennen, dass in diesem Moment ihr eigenes Bedürfnis nach Ruhe, Sicherheit und Gemeinschaft für sie am wichtigsten war. Somit hat sich durch Antons Verhalten in diesem Moment ihr vorrangiges Bedürfnis verändert. Wesentlich für diese gelungene Auflösung der Situation könnte auch der Aspekt gewesen sein, dass durch mein aufmerksames „Dasein“ und Beobachten und unsere Beziehungsbasis, die in vielen Wochen und Monaten gewachsen ist, Clara so viel Vertrauen und Sicherheit hatte, dass sie in diesem Moment so handeln konnte. Für mich war in jeder Sekunde abzuwägen: Schreite ich ein und unterstütze ich Clara oder warte ich noch ab? Durch das präsente Abwarten – ich war in unmittelbarer Nähe der Kinder – und mein zurückhaltendes Verhalten bekam Clara einen Rahmen, Sicherheit und Zutrauen, die Situation eigenständig zu regulieren und ihre eigene Lösungsstrategie zu erproben. Dadurch konnte sie ihr Handeln selbst steuern, auf das Gegenüber reagieren und Verantwortung in dieser Situation übernehmen. Meine bewusste Zurückhaltung eröffnete ihr einen Raum für Selbstwirksamkeit, während meine Aufmerksamkeit signalisierte, dass ich jederzeit unterstützend eingreifen könnte, falls es notwendig geworden wäre. 

Orientierung geben 

In der Situation zuvor, als Valentin Clara den Reifen wegnahm, brachte ich mich recht schnell aktiv ein und erinnerte Valentin an unsere gemeinsame Regel („Wir passen gut aufeinander auf“). Valentin ist in seinem emotionalen und sozialen Verhalten eher unsicher. Er orientiert sich stark an anderen Kindern, greift häufig Vorschläge von anderen auf und setzt diese auch um. 

In dieser Situation erschien mir ein kurzer unterstützender Impuls wertvoll, um ihm Orientierung zu geben und ihm zu ermöglichen, an bereits bekannte Handlungsstrategien anzuknüpfen. Durch das Erinnern an die gemeinsame Regel konnte er sein Verhalten reflektieren und die Situation neu einordnen, und er gewann dadurch mehr Selbstständigkeit in seiner sozialen Handlungskompetenz. 

Diese zwei sehr ähnlichen Situationen verdeutlichen, wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Kinder trotz vergleichbarer Ausgangslagen sein können, und wie fein abgestimmt pädagogische Interventionen sein sollten, um die Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken und gleichzeitig die notwendige Unterstützung anzubieten, die sie in ihrer individuellen Entwicklung benötigen. Aus diesem Grund ist für mich eine der wichtigsten Regeln: Wir passen gut aufeinander auf! Das heißt: Dir muss es gut gehen. Mir muss es gut gehen. Uns muss es gut gehen. 

Eigene Bedürfnisse wahrnehmen 

Stets ermutige ich Kinder, sich selbst wahrzunehmen, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu benennen. Rechtzeitig „Stopp“ zu sagen, um anderen das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu erleichtern. 

Wichtig dabei ist: Auch mir als Pädagogin muss es gut gehen. Als Vorbild ist es meine Aufgabe, einen achtsamen und respektvollen Umgang vorzuleben. Ich kommuniziere den Kindern meine Bedürfnisse und formuliere diese, indem ich beispielsweise offen benenne, wenn mir etwas zu viel wird oder ich eine Pause brauche. Dadurch erleben Kinder, dass auch Erwachsene Bedürfnisse haben und dass diese ernstzunehmen sind. Für mich bedeutet das: Wenn ich auf mich selbst achtgeben kann, kann ich auch das Wohlbefinden und die Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen und stillen. Bei jüngeren Kindern hilft oft das Ausformulieren und Spiegeln und damit Verständnis für ein Bedürfnis zu schaffen, z.B.: „Was willst du gerade?“, „Was denkst du?“, „Was ist deine Idee?“... 

Dies ermöglicht mitunter eine Offenlegung der Gefühle und Bedürfnisse. Das alleine bewirkt manchmal schon eine Beruhigung, Befriedigung und Regulierung der Situation. 

Platz für Bedürfnisse 

Es ist nicht möglich, alle Bedürfnisse im Kindergartenalltag zu jedem Zeitpunkt zu stillen. Jedoch gibt es immer eine Gelegenheit, um Bedürfnisse anzusprechen, Gefühle zu benennen, Grenzen achtsam wahrzunehmen, Ausverhandlungen zu führen und Lösungen zu finden. 

Auf Bedürfnisse zu achten und gut damit umzugehen, heißt für mich: 

• Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken, 

• sich auf Bedürfnisse einstellen, 

• Bedürfnisse ernst nehmen, 

• Grenzen aufzeigen und wahren, 

• Entscheidungen partizipativ treffen, 

• Kompromisse zwischen verschiedenen Bedürfnissen finden, 

• Empathie für die eigenen Bedürfnisse und jene der anderen entwickeln, 

• Verantwortung übernehmen, • Vertrauen aufbauen.

 

 

Bildnachweis: Sonja Löffler

Sonja Löffler

(Sonder-)Kindergarten- & Motopädagogin, Ausbildung in Transaktionsanalyse u.a., tätig im Mobilen Team der St. Nikolausstiftung Wien. Fortbildnerin und Lehrende an der PH Wien/KPH Wien.

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